Ist die Türkei eine Reise wert?

Meine TAGESSPIEGEL Kolumne von heute. Nun gut, eine Überschrift braucht man immer. Natürlich ist die Türkei eine Reise und viel mehr wert.
Ich sinniere über Tourismus und Moral.

Ist die Türkei eine Reise wert?

Du schaust so, als würdest du wissentlich oder unwissentlich eine terroristische Organisation unterstützen!” Schon hat man Ärger am Hals. Das mit dem „unwissentlich“ hört sich krank an, ich weiß, aber es ist nun mal die Beschuldigung aller, die wegen Erdogan einsitzen. Willkür pur!

Immer um diese Jahreszeit lässt, wenn nicht der Alleinherrscher selber, dann einer von seinen Mannen irgendeinen Spruch los, der die Touristen – besonders die deutschen Touristen – abschreckt: „Wie sicher ist die Türkei für deutsche Urlauber?“

Nach bisherigen Erfahrungen würde ich sagen: ziemlich sicher. Allerdings nur, wenn sie nette Nachbarn, Freunde, Bekannte und Geschäftspartner haben. Denn den meisten Ärger bekommt man durch die Denunziation aus diesem Personenkreis. Ich habe telefoniert und Menschen in meinem Netzwerk gefragt, die direkt mit der Polizei zu tun haben. Wie sie die Quote derer einschätzen, die durch einen Tipp aus Deutschland in das Schussfeld des türkischen Grenzschutzes geraten. Die Antworten schwankten zwischen 90 und 98 Prozent. Ich würde sagen, Eure Freunde unter den Türkeistämmigen solltet Ihr richtig aussuchen, das ist schon mal mehr als die halbe Miete.

Klar ist die Türkei nicht Deutschland. Wer in ein Land reist, in dem die Faschisten am Werk sind und in dem ein Diktator herrscht, der immer mächtiger und immer ängstlicher wird, kann nicht unbeschwert reisen. Dennoch ist die Türkei in diesem Jahr nicht böser gegenüber den Touristen eingestellt als in den Jahren zuvor.

Wenn man diese Risiken kennt, bleibt es eine Gewissensfrage, ob man ein Unrechtsregime unterstützen möchte. Schon heißt die Überlegung: „Da sind aber die einfachen Menschen, die nichts dafür können, dass er regiert. Wenn ich nicht in der Türkei Urlaub mache, leiden diese mit und sind womöglich arbeitslos.“ Vergiss es! Genau dieser Personenkreis hat Erdogan zu dem gemacht, was er heute ist. Sie werden ihn immer und immer wieder wählen, egal wie dreckig es ihnen geht. Denn sie wissen nicht, was sie tun, oder besser gesagt, diese Menschen sind leichtgläubig und leicht beeinflussbar. Die türkischen Angestellten in der türkischen Hotellerie sind größtenteils durch syrische Flüchtlinge, die für weit weniger Geld arbeiten, ersetzt worden.

Die richtige Fragestellung heißt folglich: „Leiden die in der Türkei lebenden syrischen Flüchtlinge, wenn ich die Türkei nicht bereise, oder nicht?“

Bis ich im März 2017 die Türkei verlassen musste, war das bei jedem Sonnenuntergang mein Anblick.

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