Geschüttelte Fahrgäste

Mein Beitrag aus dem heutigen TAGESSPIEGEL (Kultur/Weltspiegel)

U-Bahn, Straßenbahnen, sonstige Transportmittel im öffentlichen Nahverkehr von Istanbul würden alleine nicht funktionieren, wenn es die Busse nicht gäbe. In der Stadt fahren 6000 Busse auf 730 Routen. Zum Vergleich: In Berlin fahren 1400 Busse. Ein Fahrplan gibt es nur für den ersten Bus des Tages. Die folgenden fahren fast im Minutentakt und halten an den Haltestellen so, wie Platz da ist, oder der Fahrer Lust hat, auch schon mal in der zweiten Spur, aber auch mitten auf der Straße.

Auch wenn ich klein war, so kann ich mich an die Leyland Busse gut erinnern. 1968 wurden durch die städtischen Verkehrsbetriebe der Stadt Istanbul 300 Busse der Marke Leyland aus England gekauft. Diese Busse begeisterten mich schon als kleiner Junge.

Von einem Busfahrer, der damals Leyland Bus gefahren ist, habe ich erfahren, dass man die Busfahrer per Flugzeug nach Belgien und Niederlande schickte, wohin die Busse per Fähre aus Großbrittannien ausgeliefert wurden. Dann ging es auf dem Landweg nach Istanbul. Einen Monat muss die Aktion gedauert haben. Die Fahrer fuhren nur tagsüber. Der Grund waren die starren, nicht verstellbaren Scheinwerfer. Sie leuchteten zwar, beleuchteten aber nicht die Straße. Einer der Busse muss unterwegs ausgebrannt sein. Den Grund verschwieg man dezent – Busfahrer-Ehren-Codex wahrscheinlich. So fuhren 299 dieser Busse im Stadtverkehr von Istanbul.Die Leyland Busse hatten schon seltsame Besonderheiten, sie waren für afrikanische Städte modifiziert und von einem dortigen Kunden nicht abgenommen worden. Da die Busse für afrikanische Verhältnisse gebaut waren, hatten sie keine Heizung. Also mussten sie für viel Geld in Istanbul nachgerüstet werden. Für die Stehenden waren die Decken nicht hoch genug. Wer über 175 Zentimeter groß war, musste sich ducken. Überhaupt waren die Busse innen ziemlich schlicht. Das runde Lenkrad stach als Extraausstattung sofort ins Auge. Die Leylands waren die ersten Halbautomatikgetriebebusse in Istanbul. Die Halbautomatik schaltete so ruppig rauf und runter, dass die Gäste nur so geschüttelt wurden. Die 1968er Leyland Modelle fuhren, laut den Verkehrsbetrieben solange, bis sie nicht mehr zusammengeflickt werden konnten, nämlich bis 1990. Als sie aus dem Dienst genommen und gegen ungarische Busse der Marke Ikarus ersetzt wurden, existierten alle 299 Fahrzeuge vollzählig.

Warum ich als Kind die Leyland Busse so toll fand? Meine Mutter heißt Leyla.

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