„Die Türkei kann kein zweites Iran werden!“ Sicher?

„Die Mauer wird fallen!“ sagte good old Willy. Ob er selber daran glaubte? Bestimmte Dynamiken im Weltgeschehen machten es aber dennoch möglich. Hätte man sich vorstellen können, dass der Iran des Schah, der auf das Moderne setzte, durch einen jungen Mann von 78 Jahren, der mit einer Air France Maschine aus Paris kam, mal kippen und der Iran in die Steinzeit zurückgehen würde? Wohl eher nicht.

Ich sage: „In der Türkei ist so etwas nicht möglich“

Dennoch habe ich Fragezeichen im Kopf. Wenn man die Türkei mit etwas Distanz beobachtet merkt man, wie die Menschen sich vom politischen Islam beeinflusst, ändern. Es gibt über zwanzig nennenswerte islamische Sekten und Gruppierungen im Land, die sich positioniert und ihre Parallelwelten in der Türkei aufgebaut haben. Siehe Gülen und AKP. Die o.g. Gruppierungen sind sich alle nicht grün, aber unter dem Deckmantel des Islam kommen sie dennoch weiter und besetzen im Staat wichtige Behörden und Ämter. Sie sind der Staat im Staate.

Schaue ich mir die ausländischen Residenten in der Türkei an, wie sorglos sie leben, kommt bei mir die Frage auf, was denn passieren würde, wenn die Islamisten auf einmal gegen sog. „Ungläubige“, also nicht dem Islam zugehörige agieren. Es braucht nicht einmal eine systematische, geplante Aktion sein, nur dass einige wenige durchdrehen und Aktionen gegen „Ungläubige“ realisieren. Mir ist bewusst, dass man jetzt nicht simulieren kann, was dann passieren könnte, zumal man sich heute auch nicht vorstellen kann, dass so etwas passieren könnte. Dennoch, wir gehen jetzt in eine Phase von 4,5 Jahren ohne Wahlen in der Türkei rein. So etwas hat die Türkei noch nie erlebt. Das wird die Phase des Handelns sein für den Alleinherrscher. Er wird alles viel schneller umsetzen wollen. Die Islamisierung nicht mehr Happenweise sondern gleich in stärkeren Dosierungen verabreichen, damit er seinem Ziel näher kommt bzw. das Projekt-Erdogan abschließt.

Wie war das damals in Iran?

Vor Khomeini lebten viele AusländerInnen im Land, die auch darauf setzten, dass so etwas wie dann passierte, niemals passieren könnte, nicht im Iran. Dabei muss man auch bedenken, dass die Universitäten in Iran, z.B. in Naturwissenschaften auf einem viel höheren Level waren als die türkischen und auch heute wohl noch sind. Gescheite Leute mussten also zugucken, was alles passierte.

Ich habe eine Augenzeugin gefragt.

Die junge Modedesignerin Christiane Amini verliebt sich in ihrer Heimatstadt Hamburg in einen persischen Studenten. 1975 folgt sie ihm in den Iran und wird seine Ehefrau. Dort erlebt sie in kurzer Folge drei Epochen: Kaiserzeit, Revolution und Krieg. Sie wird empfangen mit grenzenloser Gastfreundschaft – Jahre später gelingt ihr unter großen Anstrengungen die Flucht.

ARD: Christiane, warum ich dir diese Frage stellen möchte, hat einen ganz besonderen Grund. In der Türkei leben sehr viele deutsche Residenten und viele glauben nicht im Traum daran, dass so etwas wie in Iran 1979 passierte, in der Türkei passieren könnte. Lebten damals in Iran viele AusländerInnen und wie lief es ab für sie?

Christiane Amini: „Ja, vor der Revolution lebten viele AusländerInnen im Iran. Zu Beginn der Revolution, noch zu Schahzeiten, gleich nachdem Khomeini zurückkam und wenig später noch als es möglich war, das Land zu verlassen, haben all die, die ich kannte, Iran verlassen. Niemand davon ist auch nur wegen Sonne, Strand und Meer am Kaspischen Meer geblieben. Ich bin diejenige gewesen, die gesagt hat, dass so viel Idiotie keinen Bestand haben kann und dass Khomeini nicht lange bleiben wird. 

Aber ich wurde eines anderen belehrt und es hat nicht lange angedauert und auch wir haben Haus und Hof zurückgelassen.

Die Geschehnisse sind keineswegs an uns vorbei gegangen. Es gab fanatische Menschen, die sich gegen die Imperialisten, zu denen wir Europäer auch zählten, auflehnten. Es sollen Frauen auf der Straße angegriffen worden sein. Das weiß ich nur aus den Medien. Wir waren den Pasteran, oder den Leuten vom Komitee, Khomeinis islamische Gesetzeshüter, ausgeliefert, die an uns allen, die damit nichts zu tun hatten, ihre Macht demonstrierten. Sie waren bewaffnet und hielten die Kalaschnikow auf dich gerichtet. Wer konnte, wem es möglich war, verließ Iran. Wir haben darüber nachgedacht, ob wir zu mehreren Familien ein riesiges Grundstück bebauen und unsere Kinder dort selber unterrichten. Das ging natürlich schief. Wir haben die dicken Gardinen zugezogen und in unseren Räumen Geburtstag oder Weihnachten gefeiert. Das sind ja keine ismlamischen Feste. Oder eine Hochzeit im Garten von Freunden, wo Frauen und Männer zusammen feierten, die dann aber von Pasteran gewaltsam unterbrochen wurde. Hab dazu ein Kapitel geschrieben in meinem Buch. Die Braut im Bettlaken. Gut, das war kurz bevor wir dann auch Iran verließen, das war ein ausschlaggebender Impuls. Ich habe eine Freundin in der Türkei wohnen, die es eben wunderschön dort findet – so wie du schreibst- und mir sagte, dass sie nichts von Erdogans Machenschaften mitbekommen würden. Die Nachbarn und Menschen aus der Umgebung würden sich nicht drum scheren. Es gäbe ein paar wenige Frauen mit diesem eigenartigen Kopftuch, aber mehr nicht.“

Morgen sind die Kommunalwahlen in der Türkei und egal wie es kommt, Erdogan wird härter zugreifen und die Menschen auf seinem Weg zum Mitmachen zwingen. Was danach kommt, werden wir alle erleben.

Ich möchte Euch das Buch von Christiane Amini empfehlen einer Frau, die auch deutsche Residentin im Ausland war und dachte „Es wird schon nichts passieren!“

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