“Die Straße” – Diese Bagdad Straße führt nicht nach Bagdad

Sehen und Gesehen werden. Die Bagdad Straße, auf Türkisch Bağdat Caddesi, ist einer der populärsten Einkaufsstraßen von Istanbul. Bagdad Straße wird unter den Istanbulern, die auf der anatolischen Seite wohnen, wo die Straße auch ist, kurz und bündig „Cadde“ (Dschadde)“Die Straße“ genannt und führt von Kadiköy, Kiziltoprak, Feneryolu, Selamicesme, Ciftehavuzlar, Göztepe, Caddebostan, Erenköy, Saskinbakkal, Suadiye und über Catalcesme, nach Bostanci.

Jubel, Trubel, Heiterkeit – “Die Straße”

Die Straße ist neun Kilometer lang. Es ist die modernere Version der Istiklal Straße auf der europäischen Seite. Flanieren, sehen und gesehen werden, dafür scheint die Straße überhaupt nur zu existieren. Weltmarken, Top-Labels, Restaurants, Bistros, wo man nur hinschaut. Die alteingesessenen Istanbuler Familien, kommen von hier. Auch wenn die Straße nicht direkt am Meer ist, so führt sie parallel zum Meer und ist deshalb seit jeher ein Anziehungspunkt.

Die Bagdad Straße soll es schon seit der Byzantinischen Zeit geben. Als Sultan Murad IV. 1638 Bagdad einnahm, soll er die Straße zu den Feierlichkeiten ‚Bagdad Straße‘ genannt haben. Auch der Bagdad Palais im Topkapi Palast bekam den Namen wegen diesem Ereignis. Auf Veranlassung von Murad IV sollen der Straße entlang Brunnen gebaut worden sein, von denen viele heute noch existieren. Çeşme (Tscheschme) bedeutet im Türkischen Brunnen.

So waren diese Brunnen der Anlass bei der Namensgebung einiger Stadtteile wie, Selamicesme, Sögütlücesme und Catalcesme. Letztere davon soll für die vorbeiziehenden Kamel Karawanen besonders groß gebaut worden sein. In der Nähe der Brunnen soll es früher immer Gebetsstätten gegeben haben. Im 19. Jahrhundert war schon die Gegend um „Die Straße“ ziemlich „In“. Die schönsten Palais der Stadt entstanden in Reichweite dieser Straße.

Heutzutage existieren nur noch wenige dieser Palais. Das Geburtshaus meiner Mutter (87 Jahre), die Cavit Pascha Köşkü (gehört unserer Familie seit den 30er Jahren nicht mehr) ist vor wenigen Jahren vom Touring Club der Türkei (ähnlich ADAC) restauriert worden und glänzt, wie in frühen Jahren.

Vor der Restaurierung

Übrigens war mein Vorfahre Cavit Pascha, der Kommandant des Yildiz Palastes auf der europäischen Seite. Nach dem meine Großeltern als die letzten Bewohner unserer Familie dort wegzogen, übrigens nur zwei Häuser weiter in ein Steingebäude, welches nicht so viel Restaurierung nötig hatte, zog Tahsin Coşkan, seines Zeichens Verwalter des Agrarbetriebes von Atatürk und der erste Agrarminister der Türkei. Das sollen die Gründe gewesen sein, dass Atatürk Coşkan, zwischen 1935 und 1938 hier fünfmal besucht hat. Eine Schnittstelle zu unserer heutigen Zeit gibt es außerdem. Coşkan war auch Leiter des Atatürk Orman Çiftliği (Agrarbetrieb und Wälder in Ankara), wo zehntausende Bäume wegen des Palastbaus von Herrn Erdogan vernichtet wurden. Auf der Bagdad Straße konnte man bis zum Bau der Uferstraße in zwei Richtungen fahren. Heute geht es nur noch Richtung Kadiköy.

Cavit Paşa Köşkü nach der Restaurierung, wieder im alten Glanz.

Wer zurück möchte, muss schon die 1980 gebaute Uferstraße nehmen und dann die Seitenstraßen, um wieder auf ‚Die Straße‘ zu kommen. Die meiste Zeit ist „Die Straße“ von Autos der Leute, die sehen und gesehen werden möchten, verstopft. Auch wenn sie schneller fahren könnten, tun sie es nicht. Sonst würde man sie nicht sehen.

Die Synagoge auf der Taş Mektep Straße in Caddebostan erinnert daran, dass hier eine größere jüdische Gemeinde existiert, welche früher allerdings noch größer war. Ich meine, wer in Istanbul war, aber nicht auf der Bagdad Straße, hat Istanbul nicht gesehen.

Bet El Synagoge – Caddebostan – Istanbul
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