Am Aschermittwoch ist alles vorbei! Die Diskussion über Identitäten jedoch nicht.

Von Guido Schlösser, Musiker.

Tatsächlich ist es für Anhänger identitärer Doktrinen fast unmöglich, sich zu verkleiden. Um in die Karnevalsdisco eingelassen zu werden, forderte das Gladbecker Jugendheim, in dem ich 1986 als Zivi diente, eine Verkleidung. Ersatzweise durfte man sich eine rote Nase anmalen lassen, aber selbst das war den türkischen männlichen Jugendlichen eine so starke Zumutung, dass sie sofort zum Klo liefen, um sich die Farbe abzuwischen. Weibliche türkische Jugendliche gab es in diesem Jugendheim nicht.

Mittlerweile hat sich dieser identitäre Diskurs in der deutschen Mainstreamgesellschaft etabliert, was aber nicht an den Türken liegt. Es ist auch kein spezifisch deutsches Phänomen. Der „Zwarte Piet“ ist kein Deutscher, und „cultural appropriation“ kein deutscher Begriff.

Es war auch nicht Karl May, der die „cultural appropriation“ erfand, als er die Figur des Winnetou konzipierte. Verkleidung, sei sie auch nur gedanklich, gehört zum Wesen der Kunst. Wer sich nicht vorstellen kann, jemand anders zu sein, ist den Zuschreibungen seiner Umgebung verfallen. Die türkischen Jugendlichen durften sich nicht vorstellen, anders zu sein als so, wie ihre Familien es von ihnen verlangten.

Als Prinz Harry in einer Nazi-Uniform auftrat, wurde das skandalisiert. Nazis in Uniform sind aber in der britischen und US-amerikanischen Comedy fast schon traditionell. Ein wirklicher Skandal wäre es gewesen, wenn Prinz Harry in einem KZ-Streifenanzug aufgetreten wäre, aber genau das hat er nicht getan. Der Karnevalist zwängt sich nicht in die Rolle des Opfers, sondern persifliert die Herrscher.

Im selben Jugendheim bin ich ca. zehn Jahre später als blinder schwarzer Soulsänger aufgetreten. Es ging mir darum, mit einem einzigen Song, nämlich „Meet The Flintstones“, eine gesamte Show zu bestreiten, und eine Soulversion erschien mir ein passender Abschluss. Die Idee, mich damit sowohl über blinde als auch über dunkelhäutige Menschen lustig zu machen, wäre mir damals nicht gekommen. Ray Charles und Stevie Wonder sind für jeden Musiker, der sich in ihrer Musik etwas auskennt, absolute Helden. „Blackface“ war in dieser Show ein Ausdruck von Respekt.

„Cultural appropriation“ ist ein völlig missratenes Gedankenkonzept. Wenn sich irgendwo in Europa ein Christ als Neptun oder als Wikinger verkleidet, ist das „cultural appropriation“. Dieser Anhänger einer Eroberungskultur macht sich scheinbar oder tatsächlich über die eroberte Kultur lustig. 
Aber warum regt sich niemand darüber auf?

Es liegt wahrscheinlich daran, dass es keine Opfergruppe mehr gibt, die sich als Wikinger empfindet oder den griechischen Gott des Meeres aus tiefstem Herzen verehrt. Nur die Opfergruppe gibt den Anhängern der „cultural appropriation“ das Gefühl, zu den Eroberern zu gehören, zu den Mächtigen, die es geschafft haben, Wikinger und griechische Polytheisten zu vernichten oder wenigstens zu ihrer eigenen Weltanschauung zu bekehren. Die meisten Appropriationisten gehören allerdings zu den Nachfahren derer, die sich den Eroberern unterworfen haben. Das nennt man dann Stockholm-Effekt.

Das Cowboy-und-Indianer-Spiel hört dann auf, wenn es um tatsächlich gefühlte Identitäten geht. Ein Kind kann heute Cowboy und morgen Indianer sein. Wenn es aber auf der Straße immer „Türke“ genannt wird, fühlt es sich irgendwann als „Türke“. Nationalismus und Rassismus sind in Deutschland weitgehend out, sodass die „Türken“ heutzutage „Muslime“ genannt werden und sich irgendwann auch als solche fühlen, selbst wenn sie mit Gott noch nie etwas im Sinn hatten. Wobei, wie oben bereits angedeutet, die meisten Identitäten als „Türken“ und „Muslime“ in Deutschland nicht das Resultat einer Fremdzuschreibung der deutschen Gesellschaft, sondern der türkischen Familien sind.

Kein Mensch wird als Deutscher, Türke, Christ oder Muslim geboren. Diese Identität wird ihm durch seine Umgebung zugeschrieben, per Gesetz, per magischem Akt der Taufe oder wie auch immer.

Menschen sind sowohl Einzelwesen als auch Angehörige verschiedener Gruppen, die im Extremfall wie Matrioschka-Puppen ineinander aufgehen. Die Frau des Talib ist als Eigentum ihres Mannes sowohl Angehörige ihrer Familie als auch ihrer Sippschaft, der Paschtunen, der Bevölkerung Afghanistans, der muslimischen Umma und der Menschheit.

Bei den Angehörigen einer Einwanderungsgesellschaft funktioniert das Matrioschka-Prinzip im Regelfall nicht. Zwei meiner Großeltern waren Katholiken, und zwei waren Protestanten, was heutzutage niemanden mehr interessiert, schon damals nicht den Pastor der katholischen Kirchengemeinde, der meine Sandkastenfreundin und mich und sicherlich noch andere evangelische Kinder in seinen Kindergarten aufgenommen hat. Seine damalige Lebensgefährtin war meine erste Musiklehrerin.

Von 25 Kindern in meiner Grundschulklasse gehörten garantiert vier zur alteingesessenen Bevölkerung. Alle anderen hatten irgendwie eine Flucht- und Vertreibungs- oder sonstige Migrationsgeschichte in ihrer Familie hinter sich. Die evangelischen Kinder gingen in den evangelischen Religionsunterricht, die katholischen in den katholischen, und der Mohammedaner, wie Muslime damals genannt wurden, konnte schon einmal seine Hausaufgaben erledigen. Es gab in dieser Klasse keine Gruppenbildungen entlang von Religionslinien.

Die Segregationslinie lag zwischen der Grundschule und den Pavillons jenseits der Hauptschule, in denen die Kinder der „Gastarbeiter“ auf die Rückkehr in ihre „Heimatländer“ vorbereitet wurden. Diese „Heimkehr“ hat in den allermeisten Fällen nicht stattgefunden, und so wurden diese Kinder zu den heute etwa fünfzigjährigen Erwachsenen, die sie jetzt sind: die von Kindheit an als nicht zugehörig Verachteten der deutschen Gesellschaft.

Wer will diesen Menschen nachtragen, dass sie sich lieber als Türken fühlen und nicht mit den Deutschen Karneval feiern?

(Guido Schlösser, 6. März 2019)

Foto: Image by nouveaumonde34 on Pixabay

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