Wunschberuf DORFVORSTEHER

Das türkische Wort „Muhtar“ (ausgesprochen Muchtar), wird mit Dorf- oder Gemeindevorsteher übersetzt. In der Rangliste der Ämter, kommt dieses in der Türkei ganz unten. Seitdem in der Türkei alles auf E-Staat (E-Devlet) umgestellt wurde, kann man so ziemlich alles, was auf kommunaler Ebene zu erledigen ist, online machen.

Die Muhtare waren damit praktisch arbeitslos. Nur, wenn man eine Meldebestätigung braucht, werden sie in Anspruch genommen. Während die Muhtare dahin vegetierten, passierte etwas, was diese sich in diesem Leben hätten nicht erträumen können. Der Alleinherrscher lud diese nach Ankara ein und in seinem Palast sprach er zu ihnen. Er erzählte ihnen, dass die Türkei ohne Muhtare nicht existieren kann und wie wichtig sie sind für die Gesellschaft.

Ich denke, dass einige von ihnen danach tagelang keinen Schlaf bekamen, oder Ballast aufnehmen mussten, um nicht ganz abzuheben. Somit war der Alleinherrscher durch seine Außenposten flächendeckend überall in der Türkei vertreten. Die Muhtare sollten hart am Mann bzw. Frau dranbleiben. Sehen, dass die Menschen, im Sinne des Alleinherrschers, keinen falschen Schritt taten. Sie sollten berichten, nennt man auch denunzieren, wenn irgendwas nicht in Ordnung schien. Eine ähnliche Aufforderung bzw. Ansage bekamen auch die Imame: „Wenn Ihr die Bevölkerung nicht in Manndeckung nehmt, ist so etwas wie am 15. Juli unumgänglich.“

Damit ist der gescheiterte und höchstwahrscheinlich selbstarrangierte Putschversuch(chen) gemeint, das ihm endgültig die Macht sicherte. Die Muhtare sollten nicht leer ausgehen. Prompt wurden ihre Gehälter verdoppelt. Bei der ‚gespürten‘ Machtfülle, hätten sie den Job sicher auch umsonst verrichtet.

Sie wurden mehrmals nach Ankara eingeladen. Sie wurden nach Mekka zum Hadsch und zu Auslandsreisen geschickt. Die meisten mussten sich zu diesem Zwecke neu einkleiden und ihren Frauen neue Kopftücher kaufen, wie ich von meinen Muhtar-Freunden weiss . Von nichts auf Nummer eins, da muss man nachrüsten! Jetzt sind die Muhtare die Alleinherrscher in klein. In ihren Dörfern und Gemeinden sind sie die alleinigen Machthaber.

Vor den Kommunalwahlen am 31. März geht es hoch her in der Türkei. Was sehen wir da: Ein neuer Trend setzte ein. Die Menschen wollen nicht Oberbürgermeister, Bürgermeister, Gouverneur werden nein, diese setzt der Erdogan oft ab und ersetzt sie durch Zwangsverwalter. Sie wollen alle Muhtar werden. Sie legen ihre Parteimitgliedschaften nieder und stellen sich als Muhtar zur Wahl. Das Vertrauen in die Muhtare ist so groß in Ankara, dass sie bei jedem Treffen, mehrmals auf Waffen durchsucht werden.

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