Wunschberuf Dorfvorsteher

Meine Kolumne aus dem TAGESSPIEGEL. Einmal Hingeschaut: Ins Parlament? Nein Danke! Lieber Muhtar.

Das türkische Wort „Muhtar“ wird mit Dorf- und Gemeindevorsteher übersetzt. In der Rangliste der Ämter, kommt dies in der Türkei ganz unten. Seitdem dort auf E-Staat (E-Devlet) umgestellt wurde, kann man so ziemlich alles, was auf kommunaler Ebene zu erledigen ist, online machen.

Die Muhtare waren damit praktisch arbeitslos. Nur für eine Meldebestätigung werden sie gebraucht. Während die Muhtare vor sich hin vegetierten, passierte etwas, was sie sich hätten nicht träumen lassen.

Der Alleinherrscher lud sie nach Ankara ein und sprach in seinem Palast zu ihnen. Er erzählte ihnen, dass die Türkei ohne Muhtare nicht existieren kann und wie wichtig sie für die Gesellschaft seien.

Ich denke, dass einige von ihnen danach tagelang keinen Schlaf bekamen, oder Ballast aufnehmen mussten, um nicht ganz abzuheben. Somit war der Alleinherrscher durch seine Außenposten flächendeckend überall in der Türkei vertreten.

Die Muhtare sollen hart am Mann beziehungsweise der Frau bleiben. Aufpassen, dass die Menschen – im Sinne des Alleinherrschers – keinen falschen Schritt tun. Berichten – man nennt es auch denunzieren – wenn etwas nicht in Ordnung scheint.

Eine ähnliche Ansage bekamen auch die Imame: „Wenn Ihr die Bevölkerung nicht in Manndeckung nehmt, ist so etwas wie am 15. Juli unumgänglich.“

Damit ist der gescheiterte und höchstwahrscheinlich selbstarrangierte Putschversuch von 2016 gemeint, der ihm endgültig die Macht sicherte. Die Muhtare sollten nicht leer ausgehen. Prompt wurden ihre Gehälter verdoppelt. Bei der ‚gespürten‘ Machtfülle, hätten sie den Job sicher auch umsonst verrichtet. Sie wurden mehrmals nach Ankara eingeladen. Sie wurden nach Mekka zum Hadsch und zu Auslandsreisen geschickt. Die meisten mussten sich dafür neu einkleiden und ihren Frauen neue Kopftücher kaufen, wie ich von meinen Muhtar-Freunden weiß. Von Nichts auf Nummer eins, da muss man nachrüsten!

Jetzt sind die Muhtare in ihren Dörfern die alleinigen Machthaber.

Vor den Kommunalwahlen am 31. März geht es hoch her in der Türkei. Ein neuer Trend setzt ein: Die Menschen wollen alle Muhtar werden. Sie legen ihre Parteimitgliedschaft nieder und stellen sich als Muhtar zur Wahl. Das Vertrauen in sie ist so groß in Ankara, dass sie bei jedem Treffen auf Waffen durchsucht werden.

(In der Zeitung wurde ein Foto von Erdogan mit den Muhtars benutzt.)

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