„Ich sorge dafür, dass du kein Tageslicht mehr siehst!

Den Fechtlehrer meines Sohnes bewunderten anfänglich alle. Er hatte diese Sportart nach Alanya gebracht, war früher selbst im Nationalkader der Türkei und später auch Nationaltrainer.

Die Kinder waren schnell begeistert vom Fechten und von ihm. Er war sehr autoritär, aber selbst das nahmen die Kinder hin. Sie wurden eine verschworene Gemeinschaft. Turniere und Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Immer mehr Kinder fanden den Weg zum Fechtsport. Sie konnten die Trainingsstunden kaum abwarten. Sofort wurden nach der Schule die Hausaufgaben gemacht, damit man sogar früher als nötig zum Training konnte.

Die Trainingshalle war ein ehemaliges Lagergebäude von Türk Telekom. Diesen haben wir, die Eltern, renoviert. Auch griffen einige Eltern so tief in die Tasche, dass wir auf einmal die Modernste Fechthalle in der Türkei hatten.

Zuerst rumorte es, weil der Trainer, seines Zeichens Beamter und Sportlehrer der Stadt, für den von ihm privat gegründeten Verein 100 TL im Monat Mitgliedsbeiträge verlangte. Viele empfanden es bei weitem zu wenig, für das was er für unsere Kinder tat, aber eine Mutter, die finanziell evtl. von uns am besten gestellt war, hatte dennoch etwas dagegen. Sofort teilte sie nach Ankara mit, dass da einer, obwohl Beamter, noch zusätzlich Mitgliedsbeiträge für ein von ihm gegründeten Verein kassierte.

Nach langem hin und her, wurde die Angelegenheit irgendwie dezent unterm Tisch gekehrt. Ein Sturm im Wasserglas. Dann wurde die Tochter dieser Frau, nicht in den Kader für ein Turnier aufgestellt. Völlig zurecht, wie ich meine, aber sie sah es anders. Sofort schaltete sich der Bruder des türkischen Außenministers ein (seine Familie stammt ebenfalls aus Alanya).

Dann wurde die Luft dünner für unseren Fechttrainer. Zuerst wurde ihm die Halle weggenommen, in die er auch privat viel Geld investiert hatte. Monate vergingen, in der die Kinder kein Fechtunterricht mehr hatten. Dann wurde ein weiterer Fechtklub gegründet. Durch den Fußballverein Alanyaspor, welcher in der höchsten Liga der Türkei spielt und bei dem der Bruder des Außenministers Präsident ist.

Unser Trainer fing an die Kinder in Ladenlokalen, die zu vermieten waren und leer standen, zu trainieren. Wurde der Laden vermietet, zog man weiter. Die Masse der Kinder wurden auf Druck von oben, gezwungen zum neuen Verein zu wechseln.

Unser Trainer fand mit der Hilfe einiger Eltern eine neue Halle und hatte schnell seine SchülerInnen dort wieder gesammelt. Der Krieg konnte aber nicht gewonnen werden, denn die AKP’ler verlieren nicht. Sie stehen über Recht und Ordnung.

Jetzt wurde dem Trainer sexueller Missbrauch von Pflegebefohlenen vorgeworfen. Zuerst beschuldigte eines der Mädel den Trainer, ihr zu nahe gekommen zu sein. Von Details sei so viel mitgeteilt, dass Geschlechtsverkehr nicht im Spiel war, wurde auch niemals behauptet. Was überhaupt war, darüber gibt es, wie in der Türkei üblich, an die zwanzig Versionen.

„Ich sorge dafür, dass du kein Tageslicht mehr siehst!” klang von einem, an der Seite des Vaters.

Sofort wurde der Fechtlehrer verhaftet. Eigentlich unüblich in solchen Fällen, wo erst nur eine Behauptung im Raum steht.

Die Klageführer fingen mit Lobby-Arbeit an. Sie machten Hausbesuche, um weitere Zeugen zu gewinnen, die die angeblichen Schandtaten des Fechtlehrers bestätigen sollten. Sie taten sich dabei schwer, denn die meisten konnten sich das nicht vorstellen, was da dem Trainer vorgeworfen wurde.

(Wichtig! Natürlich kann ich nicht wissen, was vorgefallen ist, ob der Trainer schuldig, oder unschuldig ist, aber ich möchte aufzeigen, wie absurd sich alles entwickelte und was am Ende dabei rauskam.)

Die Anwälte des Trainers stießen auf Granit. Ihre Anträge auf Freilassung gegen Kaution, weil nicht mal irgendwelche Beweise vorlagen, scheiterten.

Es fanden zwei Gerichtsverhandlungen statt. Es wurden keine Zeugen verhört. Es gab keine Jugendpsychologen und -Pädagogen, die hätten den Fall schnell aufklären können. Nichts davon. Die Sprechzeit beider Verhandlungstage sollen 20 Minuten nicht überschritten haben, berichten die, die da waren.

Urteil: 65 Jahre und drei Monate!

Der Mann hat recht behalten. Der Mann wird kein Tageslicht mehr sehen in diesem Leben. Dann die Drohung des Vaters vom Mädchen: „Solltest du freikommen, wirst du nicht lange leben“.

So ist das in der Türkei. Wenn der Schänder ein Regierungsnaher ist, ist es der Wille des Mädchens und wenn du diese Leute gegen dich hast, muss nicht einmal etwas passiert sein. Schon bist du weg vom Fenster.

Am Beispiel von Songül, über die ich berichtete, laufen die Täter frei rum.

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