Nur noch 8,5 Stunden zum Abflug

Der Abflug unserer Maschine Istanbul – Köln war um 19 Uhr. Ja, selbst dann, stellten meine Eltern den Wecker auf 7:30 Uhr damit man rechtzeitig fertig wurde. Die Koffer waren gepackt, ein letztes gemeinsames Frühstück mit den Großeltern und wir waren reisefertig.

Die Aufregung stieg für uns Kinder, den wir wurden immer von Mardik Bey, dem Mieter von meinen Großeltern, der Taxifahrer war, und einen riesigen Chevrolet Bel Air Baujahr 1964 besaß, zum Flughafen gefahren. Um 10:30 Uhr stieg bei den Beteiligten die Nervosität, denn es waren lediglich 8,5 Stunden bis zum Flug.

Ich weiß, klingt komisch, aber nicht ohne Grund mussten wir uns beeilen. Doch zuvor das Ritual zwischen Mardik Bey und unserem Großvater. Same procedure as every year! „Mardik Bey, das nimmst du mal schön, es kommt nicht in Frage, dass du sie umsonst zum Flughafen fährst.“ Der Kampf ging immer gleich aus. Unser Großvater gewann. Mardik Bey, der armenischer Herkunft war, bewohnte die Wohnung im Garten des Hauses für eine Minimiete. Wie Mini die Miete war, kann ich folgendermaßen erklären. Statt 800 (Währung spielt keine Rolle),  zahlte er 50 im Monat.

Er erzählte auch, dass er niemandem sagen würde, für wie wenig Geld er das Haus bewohnte. Es war ihm zu peinlich. Für unseren Großvater machte die niedrige Miete aber Sinn, denn Mardik Bey war auch für den Garten zuständig. Natürlich stellt ihr euch jetzt einen gepflegten Garten mit Blumen und Bäumen vor, mit einem tollen, grünen Rasen. Weit verfehlt! Nach vorne zur Bagdat Straße hin standen 3 Bäume und hinten noch 8 bis 10, die keinerlei Pflege bedurften.

Statt des Rasens gab es gute türkische, brüchige Erde. Hellbraun. Zu Schauzwecken gab Mardik Bey, während unseres Aufenthaltes dort, zweimal Wasser. Für die Bäume bestimmt total ungewohnt. Die Großeltern bewohnten das Haus nur zu unseren Schulferien, sonst blieben sie in Ankara. Im Leben von Mardik Bey, der eine Tochter hatte, die so alt war wie ich, sollte sich noch etwas Tolles ereignen. Während er täglich sein Taxi fuhr, bekam er einen Besuch von einem Rechtsanwalt. Ein Verwandter von ihm war verstorben. Die Familie wusste von der Existenz des Verwandten nichts, aber die Erbschaft, die jetzt im Raum stand, nahmen sie gerne an.

Es war ein Haus mit 5 Etagen in der besten Lage Istanbuls, nämlich auf der Bagdat Straße, wo er schon wohnte. Das Haus stand 20 Meter schräg gegenüber des Hauses meines Großvaters. Was die Erbschaft damals wert war, weiß ich nicht, aber er verstarb als reicher Mann. Wieder vom Thema abgekommen.

Also fuhren wir los. Zuerst ging es zum Stadtteil Harem, am Bosporus gelegen. Dort ist die Anlegestelle der Fähre, die uns zu Zeiten fehlender Bosporus-Brücken auf die europäische Seite fahren sollte. Die Fähre war der Grund für unsere frühe Abfahrt. Einmal kamen wir in 20 Minuten drauf, aber es gab auch Tage, wo man 3 bis 5 Stunden in der Autoschlange wartete. Die Überfahrt dauerte ca. 20 Minuten. In Sirkeci angekommen fuhr man auf die Londra Asfaltı, Richtung Flughafen.

Londra Asfaltı, also London-Schnellstraße, der Name machte Sinn, denn wenn man die Strecke geradeaus weiterfuhr, kam man nach 2-3 Tagen in London an. Bitte nicht korrigieren, ich weiß, dass da noch Wasser dazwischen ist. Auf der europäischen Seite angekommen, hätten wir von der Anlagestelle Sirkeci aus die Uferstraße zum Flughafen nehmen können, aber das Ömür-Restaurant, war halt auf der anderen Route.

Viele ‚Gastarbeiter‘ aber auch Ur-Istanbuler liebten Ömür Restaurant als Rastplatz. Zumeist passierte es, dass die Wartezeit der Fähre kürzer ausfiel als erdacht, also war genug Zeit für einen Besuch des Ömür Restaurants. Vor der Tür sah man auch sehr viele deutsche Kennzeichen, so dass man feststellen konnte, dass der Ömür Restaurant auch für Autotouristen ein beliebter Zwischenstop war. Manchmal mussten wir dort 1-6 Stunden totschlagen. Bzw. sich den Bauch vollschlagen. Eine Speisekarte war nicht nötig, denn seit Menschengedenken, war die Karte immer gleich. Die letzten türkischen Lira, die wir dabei hatten, ließen wir immer dort.

Mit so einem Chevrolet wurden wir zum Flughafen gefahren.

Auch Mardik Bey aß mit uns. Nach dem Essen versuchte er immer alles zu bezahlen, um dort wenigstens das Geld, was er von unserem Großvater nicht annehmen wollte, loszuwerden. Funktionierte nicht. So waren wir alle Jahre wieder dort essen. Eigentlich freuten wir uns so, wie sich Kinder heute auf ein McDonalds-Restaurant Besuch freuen. Ömür Restaurant hatte was und spielte im Leben vieler Gastarbeiter und Istanbuler eine Rolle. Mit dem Bauboom musste auch unser Ömür Restoran, wie es im Türkischen geschrieben wird, ebenfalls weichen.

Dort steht jetzt ein Ömür-Plaza & Einkaufszentrum. Das Restaurant gibt es immer noch. Es hat nicht mehr den Flair früherer Zeiten, aber man gibt sich Mühe, um als Traditionsmarke dem Namen gerecht zu werden. Fikret Yüzatlı, der Gründereigentümer von Ömür Restoran ist auch der, der dem Stadtteil, wo das Restaurant steht den Namen gab. In den 1940ern Jahren kaufte er viel Land in der Gegend und wollte dort viele Häuser (Evler) mit Gärten (Bahçeli) bauen, was er auch tat. Seitdem heißt die Ortschaft Bahçelievler, also Häuser mit Gärten.

Ömür bedeutet Leben.

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