Die Orange ist tot

In den zwanziger Jahren heiratet ein reiches Mädchen, einen armen Jungen. Beide leben in Alanya. Wenn ich reich sage, muss man wissen, dass der Vater des Mädchen lediglich eine Orangenplantage hat. Das ist aber schon reichlich viel, zu der Zeit. Der Junge ist Agraringenieur. Ein Beruf, auf den die Junge Republik setzt. Dennoch wird er miserabel bezahlt und kann davon gerade überleben. Also war es vor bald einhundert Jahren nicht anders wie heute.

Agrar bedeutet Zukunft, glauben viele. Die Agraringenieure aus Antalya beraten die Bauern in Alanya und es entstehen wunderschöne Zitrusgewächsgärten.

Der Staat reguliert an dem Fluss das Wasser und sorgt dafür dass die Bewässerung in der Region klappt. Die Bewässerungskanäle gleichen denen aus Rom vor 2000 Jahren.

Damals wird die Orange noch mit der Schere geschnitten. Sie werden nach Kalibrierung sortiert, einzeln in Papier gewickelt und in Holzkisten, die mit Jutesäcken ummantelt sind, verpackt. Die Anzahl der Orangen wird auf die Säcke geschrieben.

Damals gibt es noch keine Straßen, die nach Istanbul führen. Also muss die Ware verschifft werden. Die am Hafen gestapelten Holzkisten mit Jutesäcken drumrum warten auf die Abholung. Bei schwerem Seegang kommt es im Winter oft vor, dass die Ware noch am Hafen verdirbt.

Der Sohn unseres Paares ist ebenfalls Agraringenieur geworden. Sein Studium wurde aus den Einnahmen der Orangengärten bezahlt. Er geht pragmatischer als der Vater vor und züchtet die gesamte Bandbreite der Zitrusfrüchte, verändert aber ansonsten nicht viel. Auch wenn es teurer ist, setzt er Tierdünger ein. Bei ihm läuft es moderner ab.

Er expandiert und legt neue Plantagen an und startet Versuche mit anderen Zitrussorten. Zu den Zeiten werden die Zitrusfrüchte sogar nach Saudiarabien und Russland exportiert. Der Staat fördert Agrarexporte.

Mit der Zeit nehmen die Bananen den Platz der Zitrusfrüchte ein in Alanya. Die Zitrusfrüchte zu vermarkten wird immer schwieriger.

In der Stadt geht der Massentourismus los. Die Bautätigkeit nimmt parallel Fahrt auf. Die stadtnahen Orangengärten verschwinden einer nach dem anderen. Die verbliebenen Plantagenbesitzer setzen auf die Hotellerie, denn schließlich lieben europäische Touristen frischgepresste Säfte.

Es kommt aber anders. Die Hotelbetreiber entscheiden sich für farbiges Wasser mit wenig Orangenkonzentrate, statt Frischgepresstes. Der Tourist merkt nicht, dass man durch die Säfte durchschauen kann. Werden tatsächlich mal Orangen gekauft, kauft der Hoteleinkäufer dort, wo er die meisten Provisionen für sich einstreichen kann, zumeist in den Markthallen größerer Städte außerhalb Alanya.

Der Sohn verstirbt zu früh. Die Gärten werden vom Enkel geführt. Mittlerweile geht es nicht mehr um Gewinne, sondern um Erhalt der Gärten, die man von den Vorfahren bekommen hat.

1998 wird eine Bewässerungsinitiative ins Leben gerufen. Statt die Bauern mit Wasser zu beliefern, erhöht der Vorsitzende ständig die Bewässerungskosten und schwächt die Bauern finanziell.

Die AKP baut ein Staudamm und verspricht die Agrarwirtschaft von Alanya mit Wasser zu beliefern. Das Versprechen wird, ohne in die Tat umgesetzt zu werden, ein Propagandaversprechen für mehrere Wahlen. Die Regionen, die bewässert werden sollen, benötigen kein Wasser mehr, denn dort stehen viele Bauten und kaum mehr Grün. Sinn und Zweck dieses Handelns ist, die Agrarflächen zu beseitigen, damit die ArbeiterInnen in die Stadt kommen und in der Hotellerie arbeiten. Das Logo der Stadt, die Orange, gibt es nicht mehr. Die Orange verschwindet auch aus dem Stadtbild. Während der Enkel versucht, die Gärten am Leben zu erhalten, schießen die Devisenkurse in die Höhe. Die Preise von den Düngemitteln und Pestizide sind mittlerweile um 100% teurer.

Was danach passierte? Die Händler, die die Ware ein Jahr im voraus bestellten, waren jetzt nicht mehr bereit, den vollen Preis zu bezahlen und boten nur noch den halben Preis an. Halber Preis bei doppelt gestiegenen Preisen. Wer nicht verkaufen wollte, blieb auf der Ware sitzen.

Das Schicksal der Orange ist, wie das Schicksal des Landes. Die Zitruszüchter haben nicht mehr die Kraft, sich gegen die zur Wehr zu setzen, die die Orange zur verbotenen Frucht erklärt haben. In den Fernsehsendungen wurde versucht zu klären, ob die Orange im Islam einen Platz hat. Absurdistan lässt grüßen.

Derzeit ist der Zitruszüchter froh, nicht zu den Terroristen bzw. zu denen gezählt zu werden, die eine terroristische Organisation unterstützen.

Inspiriert durch eine Erzählung von Feyzi Açıkalın. Alanyaner, Zahnarzt, Cumhuriyet Kolumnist.

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