Wo steht die IT-Branche der Türkei?

Gestern fand in Ankara ein Round-Table Treffen der IT Branche der Türkei statt. Dazu hatte die Wirtschaftszeitung Dünya eingeladen. Die Branche möchte endlich als ein Industriezweig anerkannt und vom Staat stärker gefördert werden. Erwähnt wurde außerdem, dass mit der Digitalisierung, die Türkei abermals eine Chance erhält, bei der neuen Zeitrechnung, von Anfang an dabei zu sein. Jetzt gelte es denn Anschluss nicht zu verpassen.

Die Abhängigkeit von außen würden die Zahlen belegen. Von den verdienten 10 TL würden 7 TL als Lizenzgebühr ins Ausland gehen.

Der eine weiß nicht, was der andere tut

Ein altbekanntes Problem der Türkei und eigentlich nach meiner Erfahrung nicht zu verhindern. Auch bei der o.g. Zusammenkunft kam heraus, dass jeder der eine Idee hätte, für sich die Software zu entwickeln anfangen würde, ohne zu wissen, ob nicht gleich zehn oder mehr, an einem ähnlichen Projekt arbeiten. Die Branchenvertreter schlagen einen Pool vor, damit man nicht parallel, sondern gemeinsam entwickelt.

Das ist aber die Schwachstelle in der Türkei. Nicht nur im Geschäftsleben, sondern allgemein. Keiner traut dem anderen über den Weg. Jeder glaubt das Non-Plus-Ultra Idee im Gepäck zu haben und backt seinen eigenen Kuchen.

Im TV, in der türkischen Ausgabe des „Höhle des Löwen“ spielten sich oftmals komische Szenen ab. Der Projektinhaber, der Geld für sein Vorhaben generieren wollte, traute sich nicht, sein Geschäftsmodel zu offenbaren, aus Angst, andere könnten es kopieren. „Meine Idee würde ich Ihnen detaillierter erklären, wenn die Kameras nicht dabei wären.“ Ja, solche Sätze wurden dort tatsächlich ausgesprochen. Vertrauen ist in der Türkei ein Fremdwort. An einem Strang ziehen, ist für den Türken ein unüberwindbares Hindernis, auf dem Weg zum Erfolg.

Fachpersonal ist Mangelware

Schwierigkeiten IT-Personal zu finden, bestehen in der Türkei auch. Je nach Universität wären die Programmierer von recht unterschiedlicher Qualität, sagten die Branchenvertreter. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die jungen IT’ler an Selbstüberschätzung leiden. Als Neulinge im Beruf rufen sie Top-Gehälter auf und bleiben recht lange arbeitslos. So kommen sie aus der Übung, oder bieten ihre Dienste zwangsläufig als Freelancer, weit unter Wert an. Da sie wegen dem Vertrauen zu Kollegen sich und ihre Programme alleine entwickeln, bleiben sie, was Wissenstand angeht, hinter den Standards zurück.

Cyber-Security

In diesem Bereich würde die Abhängigkeit vom Ausland 97% betragen. Diese Abhängigkeit würde auch durch die Ausschreibungen gefördert werden. Die Ausschreibungen würden Sicherheitsstandards verlangen, wo die ausländischen Marken bzw. Unternehmen sogar besonders erwähnt werden. So bliebe kaum Raum, etwas Eigenes zu entwickeln. Die Branchenvertreter fordern, dass die im Inland produzierten Sicherheitsprogramme besondere Berücksichtigung in den Ausschreibungen finden. Hierbei macht man ein Denkfehler. Die ausländischen Unternehmen die Cyber-Security-Programme anbieten, gehen manchmal mit dem Preis 95% runter, oder bieten die Programme gar umsonst an. Ein türkisches IT-Unternehmen müsste aber dafür den realen Preis verlangen und wäre sofort aus dem Rennen. Verkauft wird auch hier nur über den Preis.

Ein großes Problem wäre auch, dass die meisten türkischen Daten auf ausländischen Servern lagern und man so die Türkei unter Druck setzen könnte (Komplott-Theorien sind recht beliebt in der Türkei).

Wo steht die IT-Branche der Türkei?

Hier kann ich wieder aus eigener Erfahrung berichten. In der Türkei gibt es ca. 40 – 50 IT-Unternehmen, die sogar ausschließlich für das Ausland produzieren und rein Türkisch sind und über ausl. Niederlassungen verfügen. Alle machen sie ihr eigenes Ding und fallen ungern auf. Dass sie ungern auffallen, hat auch was mit dem fehlenden Vertrauen in die Branche zu tun. Würde herauskommen, dass das Unternehmen ABC in der Sparte XY z.B. die ausländischen Banken bedient und großen Erfolg hat, könnten auch andere auf den Zug springen wollen.

Nach einer Studie der Vereinigung türkischer Industrieller und Geschäftsleute, TÜSIAD, hat die türkische IT-Branche in 2017 1 Mrd. USD an Software und Dienstleistungen exportiert. In diesem Zusammenhang erwähnte TÜSIAD auch, dass die türkische Industrie zwischn 2.0 und 3.0 irgendwo steckengeblieben wäre.

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