Wo kommen Sie her? – Meine Kolumne aus dem Tagesspiegel.

Ahmet Refii Dener sinniert über Herkunft, Identität und Logik.

Trifft ein Türke einen anderen Türken, wird er sofort gefragt: „Wo kommst Du her?“ Lautet die Antwort „Aus Alanya!“, folgt sofort die Standardfrage: „Aus dem Zentrum?“ „Wieso, kommst du etwa auch von dort?“, „Nein!“ Es bleibt unerklärlich, warum diese Frage „Kommst Du aus dem Zentrum?“ gestellt wird, obwohl die Person in der betreffenden Stadt nie war.

Die Witzfigur Temel aus der Schwarzmeer-Region muss für vieles herhalten. Temel findet eines Tages einen amerikanischen Führerschein auf dem Boden. Sofort kommt ihm die Idee, wie er die Menschen im Dorfcafé reinlegen kann. Er tauscht das Originalbild mit einem von sich. Im Café angekommen, bestellt er seinen Tee und lässt den Führerschein auf den Boden fallen. Der Finder schaut auf den Führerschein, sieht das Foto und sagt: „Was denn, Temel, Du bist in Amerika geboren?“ „Ja, das bin ich, wieso?“, sagt Temel und die nächste Frage lässt nicht lange auf sich warten: „Woher in Amerika? Aus dem Zentrum?“ „Ja, aus dem Zentrum!“ Damit ist alles geklärt.

Das Gespräch entwickelt sich allerdings anders – wenn man wie ich – in Istanbul geboren wurde. Da die erste Generation von „Gastarbeitern“ größtenteils aus Anatolien kam, stammten nur ganz wenige aus Istanbul. Auf „Wo kommst Du her?“ antworte ich also mit „Istanbul“. „Woher eigentlich?“ ist die unweigerliche Folgefrage, denn dass einer wirklich aus Istanbul stammen kann, hält man für unwahrscheinlich. Zumal Istanbul, als ich geboren wurde, nur 1,4 Millionen Einwohner hatte. Heute hat die Stadt mit dem Umland fast zwanzig Millionen – was ein Viertel der Bevölkerung der Türkei ausmacht.

Viele antworten mit Istanbul, weil sie dorthin zugewandert sind, bevor sie nach Deutschland kamen. Die Stadt vereinnahmt die Menschen dermaßen, dass sie Istanbuler werden und sich auch so fühlen. Wenn einer sagt „Ich bin aus Istanbul“, dann meint er das so. Auch wenn er woanders geboren wurde.

Für einen Türken in der Fremde, gibt es nichts Größeres als einen der Seinen zu treffen. „Hemscherim!“ nennen sie sich sofort. Frei übersetzt heißt es „Einer der Unseren“, oder „Der, aus meiner Stadt kommt“. Glückseligkeit total. Der Vater des jetzigen Präsidenten soll mit dreizehn Jahren nach Istanbul gekommen sein. Der Junior wurde im Stadtteil Kasimpasa geboren. Dieses Viertel genießt den Ruf, dass die schweren Jungs daherkommen. Darauf ist der Präsident besonders stolz und stellt es bei jeder Gelegenheit heraus. Muss er nicht.

🙂 Ein Smiley taucht im Tagesspiegel Beitrag natürlich nicht auf.

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