Tee trinken – und dann?

Meine heutige TAGESSPIEGEL Kolumne. Heute mache ich mir Gedanken, wie lange das noch gut geht mit dem türkischen Tee.

In der Türkei trinken 96 von 100 Erwachsenen täglich Tee. Ich wundere mich jedes Mal, wie oft man an einem einzigen Glas Tee schlürfen kann. Das Wenige, was in dem kleinen Glas drin ist, trinke ich in maximal einer Minute. So schmecke ich bei der kleinen Menge wenigstens etwas.

Schon sagt einer, ich wäre kein Teeliebhaber. Stimmt. Ich zählte bei ihm mit: An seinem kleinen Teeglas schlürfte er vierundzwanzig Mal, bis es leer war. Das hat eine halbe Stunde gedauert. Da frage ich mich, ob er denn ein Teeliebhaber ist oder nur ein Gewohnheitstrinker? Als ich mir beim schnellen Trinken die Zunge verbrannte, sagte er, dass er seinen Tee nur heiß trinken würde. In dreißig Minuten und heiß? Manche Floskeln sagt man wohl nur aus Gewohnheit.

Das Nationalgetränk der Türkei, Çay (Tschai), wurde erst 1938, im Todesjahr Atatürks, im Land eingeführt. Knapp fünfzehn Prozent des Tees sind Schmuggelware. Tatsächlich findet man in Tabellen des Amtes für Statistik die Rubrik „Schmuggeltee“. Die türkischen Felder sind mehr als sechzig Jahre alt und der Tee grundsätzlich von schlechter Qualität. Denken Sie jetzt nicht, dass dies nur meine Meinung ist. Der türkische Verband schreibt das in seinem „Schwarztee-Report Türkei“ aus dem Jahr 2009. Traurig und witzig zugleich finde ich, dass gerade in den Gegenden der Türkei, wo Tee angebaut wird, der meiste Schmuggeltee konsumiert wird. Das steht auch in dem Bericht.Des Türken Nationalgetränk beinhaltet neben den Teeblättern, die verarbeitet werden, auch das Holz der Äste. Wenn man also auf den Geschmack des türkischen Tees schwört, dann kann es durchaus sein, dass der vom guten Holz kommt.

Und dann gibt es ja noch die Teeliebhaber, die schwören, einen Beuteltee immer zu erkennen. Tun sie nicht! Mittlerweile benutzen die riesigen Teegärten fast ausschließlich Teebeutel. Diese sind größer als die kleinen, die wir für den Hausgebrauch kennen und: günstiger im Preis.

Wer Tee anpflanzt, kann die erste Ernte nach vier Jahren einfahren. Die beste Qualität bekommt man, wenn die Pflanze zehn bis 15 Jahre alt ist. Die türkischen Teepflanzen müssten dringend durch neue ersetzt werden. Bei wohlwollender Schätzung wird es in 20 Jahren keinen türkisches Tee mehr geben.

Das Land wird in den nächsten Jahren zum Teeimporteur Nr. 1 aufsteigen und mehr als 200 000 Familien, die von der Teepflanze leben, werden arbeitslos. Schlimm! Ich gehe mir einen Kaffee holen.

Ahmet Refii Dener

Das könnte Dich auch interessieren …