Der Kamin

27. Januar 1945, das Mordlager Auschwitz wird befreit. Ruth Klüger*, 1931 geboren, die als Heranwachsende die Hölle von Auschwitz überlebte, schrieb als Jugendliche dieses Gedicht:

Der Kamin

Täglich hinter den Baracken
Seh ich Rauch und Feuer stehn,
Jude, beuge deinen Nacken,
Keiner hier kann dem entgehn.
Siehst du in dem Rauche nicht
Ein verzerrtes Angesicht?

Ruft es nicht voll Spott und Hohn:
Fünf Millionen berg ich schon!
Auschwitz liegt in seiner Hand –
Alles, alles wird verbrannt.

Täglich hinterm Stacheldraht
Steigt die Sonne purpurn auf.
Doch ihr Licht wirkt öd und fad,
Bricht die andre Flamme auf.
Denn das warme Lebenslicht
Gilt in Auschwitz längst schon nicht.

Blick zur roten Flamme hin,
Einzig wahr ist der Kamin.
Auschwitz liegt in seiner Hand –
Alles, alles wird verbrannt.

(*) Ruth Klüger

Danke Thomas Weiberg

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