Ein Name als Türöffner

Mein heutiger Beitrag im TAGESSPIEGEL (Weltspiegel). Ahmet Refii Dener dankt seinem Großvater von Herzen.

Früher hatte ich meine Gedanken mehr beisammen, musste mir über die Zustände in Deutschland und der Türkei den Kopf nicht zerbrechen und konnte besser Deutsch. An manchen Tagen sprach ich sogar fehlerfrei.

So kam es vor, dass ich mit meinem Namen bei Europäern als einer der ihren durchging. Erst, als ich ungewollt einen Sprachfehler machte, kam prompt die Frage: „Wo stammen Sie eigentlich her?“ Das Rätselraten ging los. Die richtig Antwort „Türkei“ kam nicht vor.

1936 mussten die Menschen in der Türkei sich laut Gesetz einen Nachnamen zulegen. Mein Großvater (auf dem Foto oben), der Englisch und Französisch perfekt sprach, war ein Bewunderer deutscher Tugenden. Er nahm sich die Telefonbücher von Rom, Bonn, London und Straßburg. Innerhalb der gesetzlichen Jahresfrist suchte er sich einen Namen aus, der im Türkischen einen Sinn ergab und in fast allen europäischen Sprachen vorkam.

Er fand den Namen „Dener“. Er bedeutet im türkischen „versuchen“ und passte sehr gut zu einem Professor für angewandte Physik. Das Leben konnte Fahrt aufnehmen. Dank des Namens waren wir auch deutschland-kompatibel.

Den Nachnamen konnte man nur selber wählen, wenn man das innerhalb der Frist tat. Sonst wurde den Personen irgendein Nachname vom Gouverneur oder Dorfvorsteher zugewiesen. Da der Türkei- Türke, alles auf dem letzten Drücker macht, kann man sich den Rest denken.

Es war eine bittere Zeit für manche, denn die ethnischen Minderheiten, mussten auf die für sie typischen Endungen verzichten. Namensendungen wie armenisch -yan, slawisch -viç oder griechisch -pulos waren verboten. Juden, Griechen und Armenier mussten ihre Namen nicht ändern. Viele taten es aber, um nicht als Angehörige einer ethnischen Minderheit aufzufallen. Wie schade!

Den Vorschlag, dass man Mustafa Kemal Pascha, Atatürk (Vater der Türken) nennen sollte, machte der armenische Sprachwissenschaftler Agop Dilaçar, der eigentlich Hagop Martayan hieß.

Den Kindern sollte man ein Geschenk fürs Leben machen und ihnen einen universell leicht aussprechbaren Vornamen geben, denn schließlich weiß man heute nicht, wo man später mal landen wird. Mein Name scheint auf meinen Charakter abgefärbt zu haben. Ich recherchiere viel und ‘Denervierung’ bedeutet, die Ausschaltung der Verbindung zwischen Nerv und dazugehörigem Organ. Ich rege mich niemals auf.

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