Ach du meine Tüte!

Wer in der Türkei neu angekommen war und dort lebte, staunte bis jetzt nicht schlecht, mit wie viel Tüten man den Supermarkt verließ. Leicht konnte der Eindruck entstehen, dass die Tüten zu den natürlichen Ressourcen der Türkei gehörten und überall abgebaut werden konnten.

Die sog. Tütenabhängigkeit ist ein türkisches Phänomen

Die Abhängigkeit von den Tüten waren so groß, dass die Mitarbeiter eines Supermarktes in Alanya, direkt in meiner Nachbarschaft, die Tüten mit eigenem Geld woanders kauften, wenn die Firmeneigenen ausgingen.

Auf die Frage, warum die das taten, gab es eine logische Erklärung. Die Boni, die sie bekamen, waren an den Umsatz des Ladens gekoppelt. Machten sie weniger Umsatz, mussten sie vom Fixum leben bzw. überleben. Die Kunden mieden den Laden, wenn es keine Tüten gab. Also ging der Umsatz in den Keller. So sorgten die Mitarbeiter für Nachschub, mit eigenem Geld.

Deutschland schafft die Diesel-Autos ab, die Türken die Tüten

Seit dem 1. Januar müssen die Lebensmittelläden für die Tüten 0,25 TL kassieren (ca. 4 Cent, der Euro-Kurs steigt wieder).

Jetzt muss man noch zusätzlich eines wissen, die Bequemlichkeit ist Trumpf in der Türkei und das bei reich und arm. Das geht so weit, dass manche Läden sogar Einpacker beschäftigen. Diese nehmen die Artikel vom Band und packen für den Kunden direkt in die Tüten ein. Bis jetzt war es so, dass die Einpacker immer mehr Tüten verwendeten und auf die Art zeigten. “Schau Kunde, wie viel du uns Wert bist!”

Der Pro-Kopf-Tütenverbrauch

Während der Deutsche 29 Tüten im Jahr verbraucht, liegt der Pro-Kopf-Tütenverbrauch der Türken bei 440 im Jahr (35 Milliarden sollen es im Jahr sein, sagt das Umweltministerium). Hier wird statt Müll, der Einkauf getrennt. So kommen Hygieneartikel, Putz- und Lebensmittel, Eis und Milcherzeugnisse und Getränke, in verschiedene Tüten, landen aber später im selben Müll.

Die Armut der Menschen macht es möglich, wie absurd, dass die Mülltrennung auf einem anderen Wege funktioniert, in der Türkei. Es gibt nämlich, neben der Müllabfuhr, viele, die sich daran machen, Flaschen, Papier und Blech aus den Müllcontainern herauszufischen, um diese dann an die Recyclingunternehmen zu verkaufen.

Erfolgreich abgelenkt ist halb gewonnen

Momentan scheint in der Türkei nichts wichtiger zu sein als die ‘Tüte gegen Geld’.

Meine Cousine ist mit einem der größten Tütenhersteller des Landes verheiratet. Denen geht es so gut, wie immer eigentlich.

Zu den Supermärkten gibt es bald an die 200.000 Tante-Emma-Läden im Land. Ich kann mir nicht vorstellen, dass einer von denen die Tüte gegen Geld abgibt. In den PKW’s und Bussen gibt es Rauch- und Handyverbot. Wenn ich mit den Langstreckenbussen gefahren bin, hatten die meisten Busfahrer nur eine Hand frei. Wegen Handynutzung und Rauchen, versteht sich. In den meisten Taxis wird Rauchen ebenfalls geduldet.

Schweigsame Türken

Mal schauen, wann die Türken die ‚Tüte gegen Geld‘ geschluckt haben werden. Ob sich Ankara mal an einer so simplen Sache mal strangulieren könnte? Ein Gelbwesten-Verbot wird sicher demnächst folgen, aber dennoch, die Hoffnung stirbt zuletzt, wer weiß, vielleicht besiegen die Massen einmal ihre Angst gemeinsam und alles wird besser, oder eher anders schlecht.

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