“Er würde mich töten!” – Ein Tag aus dem Leben einer Flüchtlingshelferin

Die ehrenamtliche Flüchtlingshelferin Johanna K. (Name geändert), schildert hier einen einzigen Tag aus ihrem Leben. Bitter ist eigentlich, dass man lieber ihren Namen nicht preisgibt, wo sie doch ehrenamtlich eine gute Tat vollbringt. So sind die Zeiten nun mal.

“Der Tag begann heute um 8 Uhr in der Ausländerbehörde. Kaum eine Stunde nach Ziehen einer Wartenummer sind wir dran. Ich erkläre, dass die Sparkasse kein Konto für die Irakerin in meiner Begleitung eröffnen will, weil alle anderen dafür nötigen Papiere einen, um einen Buchstaben abweichenden, Vornamen tragen. Die Frau will uns zum BAMF schicken. Mein Puls steigt. Das entgeht ihr nicht. Sie will sich kundig machen, aber droht mir gleichzeitig mit Rausschmiss, wenn ich mich weiter echauffiere. Ich atme. Ergebnis der Recherche: Das BAMF hat den Original-Pass an die Ausländerbehörde weitergeleitet. Der Name wurde anhand des Passes so korrigiert wie er jetzt im Ausweis steht und wir müssen nun alle anderen Papiere ändern lassen. Erster Tiefpunkt des Tages. Aber es ist noch früh am Vormittag. Wir schaffen das!

Ich rufe das Bundeszentralamt für Steuern an. Man versichert mir, der Brief muss nicht geändert werden. Zur Kontoeinrichtung reicht auch die Steuer-ID-Nummer auf einem Schmierzettel. Prima.

Wir fahren zum Flüchtlingsbürgeramt um die polizeiliche Anmeldung zu ändern. Erstaunlich schnell sind wir im Zimmer eines Sachbearbeiters. Durch die offene Tür verfolgen wir einen Disput mit einem weiteren Klienten am Empfangsschalter. Ich schätze nach spätestens einem Jahr in diesem Job ist man reif für die Psychiatrie. Der Sachbearbeiter fragt nach dem Formular für derartige Vorgänge von der Ausländerbehörde. Mein Puls steigt schon wieder. Er geruht aus Kulanz den Fall zu prüfen und befindet das Formular doch für entbehrlich. Einatmen, ausatmen. Schon halten wir die korrigierte Anmeldung in den freudig erregten Händen.

Zwischendurch geht immer wieder das Telefon der Irakerin. Ich denke zunächst, es sind ihre Kinder, die schon Schulschluss haben, aber es stellt sich heraus, dass ihr Gatte permanent wissen will, wo sie sich gerade befindet, was sie gerade macht und wie lange es noch dauert. Der Berliner Bürokratie sei Dank, lässt die stundenlange Prozedur ihn keinen Verdacht schöpfen. Man kennt das. Sicherheitshalber schickt sie ihm aber doch eine Whatsapp mit dem neuen Papier.

Letzte Station: Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten – LAF. Wie vor vielen anderen Behörden steht dort breitbeinig die migrantische Security. Man fragt nach unserem Anliegen. Ich antworte. Nur eine Begleitperson ist erlaubt, aber er will mal nicht so sein und erlaubt uns gönnerhaft zu dritt einzutreten. Ich würde gern woanders hintreten, aber ich halte an mich. Wir stellen uns in die endlos lange Schlange und beobachten, dass nicht nur unsere Nerven blank liegen. 2 von 4 Schaltern sind besetzt, ganz links sitzt eine blonde Frau mit resoluter Stimme die schnell ungehalten wird, wenn die erforderlichen Dokumente nicht zur Hand oder gar unbekannt sind. Das kommt öfter mal vor, wie es aussieht. Auch lautstarke Antragsteller sind immer wieder zu beobachten, oft dauert es keine 10 Sekunden, bis der Ton auf einer Seite des Tresens aggressiv wird. Endlich sind wir an der Reihe und ich sage mein Sprüchlein auf. Die laute Blonde klärt mich leicht amüsiert darüber auf, dass wir unseren Plan in die Tonne kloppen können. Ehepaare bilden eine Bedarfsgemeinschaft. Das Geld für alle Mitglieder dieser Gemeinschaft geht auf ein Konto. Wenn sie also über ihren Anteil selbst verfügen will, muss sie das intern mit ihrem Mann klären, oder den Sozialdienst im Heim um Unterstützung bitten. Das klingt nicht nur zynisch.

Man kommt also als muslimische Frau nach Deutschland, nimmt den Duft der Freiheit wahr und stellt dann fest, die ist noch immer fast genauso unerreichbar wie im Irak. Es gibt nur zwei Optionen, entweder man flüchtet noch einmal und bricht alle Brücken ab, oder man erträgt sein Schicksal weiter wie in der Heimat. Zu Ersterem fehlt den Allermeisten der Mut.

6 Stunden unterwegs. Erreicht? Nichts, gar nichts. Auf meine Frage, wie ihr Mann wohl auf eine Trennung reagieren würde, antwortete sie ohne zu zögern, mit gleichmütiger Stimme und lächelnd: „Er würde mich töten.“

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