Deutschland ist der gemeinsame Nenner von Ali und Liam

Gerade lese ich in der WELT von Liam Rückert. Er ist Jude und möchte nicht mehr wegen seines Glaubens diskriminiert werden. Um seinen Wunsch zu realisieren, war er zuerst am falschen Ort, nämlich in Berlin. Dem härtesten Pflaster, wenn du Jude bist und normal leben möchtest. Liam wollte von Juden umgeben sein, von Menschen, die kein Unterschied machten, welchem Glauben er angehörte. Im September verließ Liam seine Geburtsstadt Berlin und zog nach Israel. Er fand zu sich, nahm ab, veränderte sich auch äußerlich. Hier könnt Ihr in der WELT weiterlesen, oder aber auch nicht, denn entweder bist du Abo-Kunde, oder du musst die Welt-Abo 30 Tage lang kostenlos testen.

Ich finde es unmöglich, dass Themen, die zu einem besseren Miteinander in Deutschland führen könnten, nur gegen Geld zu lesen sind. Als ich über Liam las, dachte ich an die Türkeistämmigen in Deutschland. Liam zog nach Israel und fand den Frieden, ich weiß, es klingt makaber, aber unter friedliebenden Menschen, kann man den Frieden finden. In Israel kann man den Frieden finden. Es ist nicht so, wie die Antisemiten denken, dass die Israelis sich hinsetzen und überlegen, was können wir der Welt jetzt Böses tun, nein, sie sind friedliebende Menschen, die in Frieden leben möchten.

Dass das in der Region schlecht geht, erleben wir täglich. Kommen wir zu Ali. Er hasst die Juden. Warum er das tut, kann er nur mit den Worten erklären, die ihm andere zugetragen haben. Womöglich kann er nicht einmal auf der Karte zeigen, wo Israel liegt, aber wie viele, hat er eine Meinung, auch ohne Wissen. Ali hasst zwar die Juden, aber andere wiederum hassen ihn. Er wird diskriminiert, nur weil er Muslim ist, oder einfach nur Türke. Dass das so ist, das haben ihm auch andere ins Ohr geflüstert. Wie es wäre, wenn er sich der Umgebung anpassen und das deutsche Grundgesetz achten, leben würde. Dazu hat er keinen Plan. Was er in diesem Spiel genau ist, bleibt undefiniert. Ali möchte aus diesem Trott ausbrechen und unter Gleichgesinnten leben. So naiv wie er ist, denkt er, dass das am besten in der Türkei funktionieren müsste. Er möchte in die Türkei ziehen.

Nehmen wir mal an, er hätte einen Beruf, mit dem er in der Türkei einen Job finden könnte. Er möchte nicht alles hinter sich abbrechen, denn Deutschland bedeutet Sicherheit. Er kommt in der Türkei an. Schon geht es in der Firma los. In den Augen seiner Kollegen ist er ein Sonderling, der schlecht Türkisch kann und glaubt alles besser zu können. Was ja auch stimmt, er hat es solide gelernt, er kann es besser. Nur, das wird in der Türkei nicht verlangt. Fügen soll er sich und nicht auffallen. Er fühlt sich unterfordert, schlecht behandelt und schlecht bezahlt und diskriminiert, am Arbeitsplatz. Dabei wollte er doch nur unter Gleichgesinnten sein. Zum Glück gibt es nicht nur die Arbeit, denkt er sich und setzt seine Hoffnungen, auf die Freizeit. In seiner Freizeit erlebt er aber, dass sich die Menschen untereinander kaum unterhalten, kaum was zu lachen haben und fast nur über das Überleben zu diesen schwierigen Zeiten in der Türkei sprechen.

Sie sind in verschiedene Lager unterteilt. AKP oder kein AKP, Aleviten, Schiiten, Sunniten, Kurden, Denunzianten, Gülenisten, mögliche Gülenisten, Terroristen (Sammelbegriff für die, die dem Erdogan nicht in den Kram passen) u.a. Dem Ali passiert genau das Gegenteil von Liam. Er nimmt nicht ab, sondern zu. Frustessen ist angesagt. Das Geld ist knapp und noch schlimmer, er ist in dieser Gesellschaft ein Außenseiter. Er entscheidet sich zurückzukehren, wie viele dieser Tage das tun. In Deutschland angekommen, atmet er tief ein. Er sieht ein, dass es sich besser lebt, wenn man davon ausgeht, dass wir alle gleich sind. Egal welcher Hautfarbe, Religion und Nationalität. Er sieht ein, dass für Hass kein Platz mehr ist in seinem Leben. Er sieht ein, dass wir nur ein Deutschland haben, das uns eine gewisse Sicherheit und Freiheit garantiert, wenn wir das hegen und pflegen.

Wer weiß, vielleicht begegnet Ali eines Tages Liam und sagt ihm, dass sein Juden- und Israelhass völlig unbegründet war und wie schön es doch ist, gemeinsam und in Sicherheit in Deutschland zu leben.

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