“Deshalb liebe ich diesen Gottesleugner”

Das „Pandeli“- Restaurant, der Geheimtipp von Istanbulern, die schon ein gewissen Alter erreicht haben, musste vor zwei Jahren, aus finanziellen Schwierigkeiten heraus, schließen. Den Grund lieferten die fehlenden Stadttouristen und die lange andauernde Restauration am Eingang des großen Basars. Jetzt erfahre ich, dass die Marke von einem Investor gekauft wurde und weiterlebt.

Hier die interessante Geschichte von Pandeli

Pandeli Çobanoğlu war griechischen Ursprungs und kam aus der türkischen Stadt Niğde. Im jungen Alter kam er nach Istanbul und arbeitete, wie sein Vater, als Gepäckträger, eigentlich Lastenträger (Hamal). Nebenher war er Tellerwäscher, Frisör und Laufbursche bei kleineren Lebensmittelläden. Auch wenn er viele Arbeiten parallel machte, kam er nur schwerlich über die Runden. Gegenüber des Eingangs Mısır Çarşısı, des großen historischen Basars von Istanbul fing er dann an, von einem Wägelchen heraus Bohnensalat (Piyaz), eine türkische Spezialität, zu verkaufen.

Es dauert nicht lange und er machte einen Laden für Hackbällchen, die man heute von den Schweden als Köttbullar kennt, auf. Es ist die reinste Bruchbude. Hier lassen sich nur die Lastenträger bedienen. Sein Lastenträger Restaurant wird auf einmal ein Treffpunkt für Intellektuelle, Künstler, Journalisten (die damals frei sein dürften), Schriftsteller und Politiker. Nur während des 1. Weltkrieges sind die Umstände hart. Es dauert nicht lange, dann muss der Pandeli sein Laden aufgeben und in seine Heimatstadt nach Niğde zurückkehren.

Nach dem Krieg kommt er wieder nach Istanbul zurück. 1926 eröffnet er sein Restaurant wieder. Schon kommt ein Stammgast früherer Tage auf ihn zu. Der Stammgast kam schon als einfacher Soldat oft hierhin essen. Das Geld war knapp zu der Zeit. Immer, wenn er nicht bezahlen konnte, sagte Pandeli : Macht nichts, Anfang des Monats kannst du bezahlen! Als Atatürk zum Präsidenten der jungen türkischen Republik ernannt wurde, kam er immer mit seiner Gefolgschaft zu Pandeli essen. Als er mal nach der Rechnung verlangte, sagte Pandeli zu ihm: “Musst du jetzt nicht bezahlen. Das kannst du Anfang des Monats machen!” Atatürk daraufhin: “Deshalb liebe ich diesen Gottesleugner (Kafir)*” Immer wenn er wichtige Staatsgäste hat, kommt Mustafa Kemal Pascha hierher dinieren.

Auch in den späteren Jahren halten die nächsten Präsidenten, an dieser Tradition fest. So waren Queen Elizabeth II, König Juan Carlos u.a. schon hier gewesen. Es kam sogar vor, dass Atatürk, wenn er mal Heißhunger nach Pandeli’s Küche hatte, diese ihm per Zug nach Ankara Gerichte schickten. Auch wenn die Türkei am II. Weltkrieg nicht teilnahm, so gab es im Lande große Knappheit an Nahrungsmitteln. In dieser Phase macht Pandeli sein eigenes Mehl und Brot und kommt so durch diese schwierige Zeit. Sein Restaurant floriert. Gerade, als er mal ruhiger gehen lassen könnte, erlebt er die Nacht vom 6. zum 7. September 1955.

Das Pogrom von 1955 sind gewalttätige Ausschreitungen gegen die christliche, vor allem griechische Minderheit in Istanbul, Izmir und in der türkischen Hauptstadt. Den Verbrechern fielen auch türkische Juden und Armenier zum Opfer. Pandeli’s Restaurant wird komplett demoliert. Er mag nicht mehr und gibt seinen geliebten Beruf auf. Die Geschäftsaufgabe von Pandeli wird sogar zur Schlagzeile in der Zeitungen. Der damalige Präsident Celal Bayar und der Ministerpräsident Adnan Menderes überreden Pandeli zum Weitermachen.

Per Schnellentscheid gibt der Staat ihm die Fläche am Eingang des großen Basaar’s von Istanbul. Mit seinem Sohn Hristo und bescheidenen finanziellen Mitteln legt sich Pandeli ins Zeug. Sein Restaurant wird in späteren Jahren als touristischer Betrieb (Turizm Belgesi) anerkannt. Das erste Zertifikat als touristischer Betrieb, bekommt somit in der Türkei, Pandeli. Als Pandeli 1967 stirbt, macht sein Sohn Hristo mit Cemal Biberci, der schon mit zehn Jahren bei Pandeli als Aushilfskellner anfing, weiter. Bis zur Schließung im Jahr 2016.

Jetzt geht es mit dem Namen Pandeli an alter Stätte weiter. Ich hoffe, dass die neuen Betreiber dem Namen gerecht werden. Wer da war, berichte mir bitte, wie das Essen geschmeckt hat. Wenn ich mir die neue Speisekarte im Internet anschaue, ist es exakt das, wie es früher war. Ich empfehle im Papier gebackenen Seebarsch, aber auch alles andere auf der Speisekarte, wird euch in eine kulinarische Ekstase versetzen.

(*) Pandeli war griechisch-orthodoxem Glauben. Deshalb benutzte Atatürk, liebevoll das Wort “Kafir”, welches Gottes Verleugner bedeutet also nicht dem Islam zugehörig.

Foto: pandeli.com.tr

 

 

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