Böyle geldik, böyle gideriz (So sind wir gekommen, so werden wir gehen)

“Hinter dem Rücken der Präsidenten seid ihr sicher” heißt es in dem Beitrag des Kollegen Bülent Mumay. Dem kann man zu 100% zustimmen. Dass im Lande alles gerade gebogen werden kann, ist nicht seit heute so, das gab es auch früher. Dass man früher nach der Pfeife eines Mannes tanzte, das gab es allerdings nicht. Wäre ich nicht dem Artikel von Mumay begegnet, hätte es sicher einen anderen Anfang gegeben, denn ich wollte über das gerade biegen erzählen, die es schon immer gab. Das Problem ist, dass sich die Menschen damit arrangiert haben, ja sich daran gewöhnt haben, dass sie nicht ohne leben könnten. Hierzu habe ich eine Anekdote.

Auf die Masche kommst du nicht

Ich musste mit einem Dienstleister in Istanbul, dessen Job es war, die Antragsstellungen und die Laufarbeiten in allen Lebens- und Geschäftsbereichen zu machen, unterwegs. Er war für meinen Auftraggeber ebenfalls aktiv. An diesem Tag wollten wir zur Stadtverwaltung, in einem Stadtteil von Istanbul.

Auf dem Weg dahin fragte er mich, ob wir kurz bei jemandem vorbeischauen könnten. „Die Dame muss nur etwas unterschreiben“ sagte er. Da es auf unserer Strecke lag, schauten wir bei der Dame vorbei. Im Wohnzimmer der Dame, die ungefähr 75 Jahre alt sein musste, breitete der Dienstleister Hamit, den Plan eines vierstöckigen Hauses auf. Die Dame hatte schon den Kugelschreiber in der Hand und wusste sofort, wo sie zu unterschreiben hatte.

Der Plan zeigte nicht nur die vier Etagen des Hauses, denn es waren noch zwei Etagen neu eingezeichnet. Die neuen Etagen waren mit einem dicken Filzstift eingekreist. ‚Kırmızılama’ ist das türkische Wort, was ich in dem Augenblick erstmals in meinem Leben hörte, bedeutet eigentlich rot markieren. Sie unterschrieb an einer Stelle der Markierung so, dass ein Teil der Unterschrift, auf dem rot war. Später sagte mir der Hamit, dass das so sein müsse.

Er faltete den Plan sorgfältig und gab der Dame einen Umschlag. „Wie vereinbart zehntausend“ sagte er. Nach dem damaligen Kurs waren das knapp fünftausend Euro.

Auf dem Weg zur Stadtverwaltung fragte ich Hamit, was denn da abgelaufen sei. Jetzt kommts! Die Dame war in den 80er Jahren die Leiterin des Bauamtes. Die angebliche Genehmigung der Aufstockung des Gebäudes hatte Hamit auf einen Tag im Jahre 1982 datiert, wo die Dame noch in Amt und Würden war. Deshalb war ihre Unterschrift immer noch gefragt und 10.000 TL wert und das bald zwanzig Jahre nach der Pensionierung. Ich erfuhr auch, dass einige Bauamtsleiter immer noch gut im Geschäft waren.

Durch diesen Aufenthalt bei der Dame, kamen wir bei der Stadtverwaltung ausgerechnet zur Mittagspause an. Hamit hatte das absichtlich so geplant, wie er mir sagte. Dafür lud er mich zum Essen ein.

Wir gingen in das Gebäude rein. Er telefonierte mit jemanden und sagte ihm, wo wir im Gebäude sind. Ein junger Laufbursche, die in solchen Ämtern anstelle der Rohrpost eingesetzt werden, kam. Hamit sagte, wo der Stempel draufkommen müsse.

Der Laufbursche anstelle von Rohrpost

Der Laufbursche verschwand und als er da war, war auch der Stempel des Bauamtes an der richtigen Stelle. Hamit sorgte durch mehrmaliges Wedeln des Plans in der Luft dafür, dass die Stempelfarbe trocken war. Faltete den Plan sorgfältig und gab dem Laufburschen. Dieser bekam für seine Dienste fünfhundert Lira.

Der Plan landete, wie ich von Hamit erfuhr, im Archiv. Der weitere Verlauf wäre folgende. Der Hausbesitzer stellt einen Antrag beim Bauamt und beantragt, die bereits 1982 genehmigte Aufstockung des Gebäudes beginnen zu dürfen. Der neue Bauamtsleiter ruft einen Laufburschen, er möge den Plan des Hauses vom Archiv holen. Der jetzige Bauamtsleiter sieht, dass die Genehmigung schon 1982 vorlag und erteilt die neuerliche Genehmigung zu bauen.

So ist das in der Türkei. Das nennt man korrupt, aber auf der anderen Seite, gibt es nichts, was man nicht gerade biegen kann. Das soll nicht bedeuten, dass ich die Korruption gut heiße, aber das ist die Realität. Keine Aussicht auf Verbesserung. Böyle geldik, böyle gideriz (So sind wir gekommen, so werden wir gehen), sagt der Türke.

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