(Zahl-) Kunde König – Meine Kolumne aus dem Tagesspiegel von heute

In der Türkei gibt es Printmedien, die haben mit der Zensur nichts am Hut. Sie gehören – im weitesten Sinne – zu den Erdogan-Medien. Sie können nicht zurückgerufen, eingesammelt und eingestampft werden. Sie werden gedruckt und an alle 22 Millionen Haushalte der Türkei verschickt. Die vier Ausgaben haben zusammen eine Auflage von 88 Millionen und erscheinen einmal im Monat. Ihnen entnimmt der Leser die bittere Wahrheit.

Die Rede ist von den Telefon-, Strom-, Gas- und Wasserrechnungen. Nur nebenbei: Mein Vorschlag an die türkische Regierung wäre, den Rechnungsstreifen noch länger zu machen und alles Weitere darauf zu notieren, was man dem Volk außerdem mitteilen möchte.

Doch zurück zu den Rechnungen. In der Türkei zahlt man mindestens den doppelten Betrag vom eigentlichen Verbrauch. Dass ich ,mindestens’ sage, hat damit zu tun, dass die Strom-, Gas- und Wasserwerke Genaueres auch nicht sagen können. Je nach Bedarf wird mindestens eine der Positionen erhöht. Dafür gibt es zum Beispiel die Spalte mit dem Strom-Fonds. Hierbei leistet der Verbraucher seinen Anteil für die Instandhaltung der Leitungen und beim Bau neuer Werke, die ausgeschrieben und an private Anbieter vergeben werden. Unter der Rubrik „Einzelverkaufsdienstleistungen“ sind zum Beispiel die Marketingkosten der Stromanbieter genauso enthalten wie sonstige Dienste, die nötig sind, damit der Strom vom Erzeuger zum Kunden gelangt. Für die fast identische Leistung wird unter ,Stromverteilerdienste’ nochmals kassiert. Hierbei sollen auch die Wartungsarbeiten, Stromab- und Wiedereinschaltungskosten aufgefangen werden. Zählerlesung kostet extra.

Und es gibt noch eine Spalte zum Haareraufen. Die Rundfunk- und Fernsehgebühren werden ,anteilig’ über die Strom- und Gasrechnungen berechnet. Wer welchen Anteil kassiert und wie sich die Summe aufschlüsselt – darüber hat der türkische Kunde keinen Überblick.

Einzig real ist – neben den Kosten für die Stromnutzung – die achtzehnprozentige Mehrwertsteuer. Ungerecht daran ist allerdings, dass man auch auf alle fiktiven Kosten in der Rechnung Mehrwertsteuer zahlt. Seltsam ist außerdem, dass man die Rechnungen nicht sofort begleichen darf. Dem Nutzer wird ein Zeitfenster vorgegeben, auch wenn Ali-Normalverbraucher sowieso am letzten Tag zahlt.

Ansonsten herrscht positive Stimmung in der Türkei. Oder ist es nur deshalb so, weil das Wort „Krise“ verboten ist?

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