Meine heutige Kolumne aus dem Tagesspiegel: Ein Schläfchen in Fahrtrichtung

Über Coolness, Küsse und gesenkte Blicke.
In jedem Land haben die Menschen Eigenarten, die besonders dem Fremden auffallen. Wie sieht es damit in der Türkei aus? Da ticken die Uhren auch anders, und zwar gewaltig. Wie oft hast du in Deutschland zum Beispiel schon Fahrschüler gesehen, die mit dem eigenen Auto zur praktischen Prüfung vorfahren?

Als vor zwei Jahren der Putschversuch war, sah ich Fernsehbilder, auf denen sich Menschen – um sich vor den Schüssen zu schützen – auf den Boden geworfen hatten, die brennende Zigarette zwischen den Fingern. Merke: Die Coolness stirbt zuletzt. Oder: Nicht alle Türen in der Türkei haben Gucklöcher. Klingelt jemand an der Tür, heißt es von der anderen Seite: „Wer ist da?“. Die Antwort in den meisten Fällen: „Ich bin es!“ Klar, wer sonst?

In der Türkei lässt man bei den öffentlichen Verkehrsmitteln schon mal einen Bus vorbeifahren, weil kein Sitzplatz frei ist. Und dann muss es auch noch einer in Fahrtrichtung sein. Sind alle Plätze besetzt und jemand steigt ein, kann man eine besondere Art von plötzlichem Synchronschlafen feststellen. Damit man einer älteren Person nicht den Platz anbieten muss, tun die meisten so, als würden sie schlafen. Kopftuchträgerinnen und sehr junge Mädchen bekommen immer einen Platz angeboten. Keine Ahnung, ob die anderen denken, Allah etwas Gutes getan zu haben – aber man tut es.

Vor der Kassiererin steht ein ausländischer Kunde. Beide verstehen nur ihre jeweilige Muttersprache. Begreift der Kunde nicht, wird ein- und derselbe Satz immer lauter ausgesprochen. Klar, am Ende steht man wie am Anfang da. Aber es hätte ja funktionieren können.

Nun zu den Kussszenen in Fernsehserien. Da entsteht eine Situation wie im Aufzug, wenn alle auf den Boden starren und keiner was sagt. In der Türkei wird es bei Kussszenen allen peinlich. Entweder wendet man sich ab und tut so, als wolle man ein Gespräch anfangen oder irgendwer greift nach der Fernbedienung und schaltet einfach um.

Das ist aber eine frühere Erinnerung, denn mittlerweile wird im türkischen Fernsehen nicht mehr geküsst. Vor lauter Schießereien und Leichen ist kaum Zeit für Zärtlichkeit. Vergewaltigungen und das Schlagen von Frauen geht aber noch, das ist nämlich populär und wird selten oder nicht hart bestraft. Denn das Mädchen oder die Frau hat es ja gewollt, heißt es oft vor Gericht. Wer geachtet werden will, der muss die Eigenart seiner Mitmenschen achten, heißt es. Ist das so?

Ahmet Refii Dener

Besonders beim Metrobus in Istanbul, kann man außerhalb der Stoßzeiten erleben, wie die Menschen nicht einsteigen und auf den nächsten Bus warten, weil kein Sitzplatz frei ist. Die Busse fahren in 30 Sekunden bis 1 Minuten Takt.

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