Die Masterfrage: Vergebt ihr?

Wer hätte ahnen können, dass ausgerechnet am Donnerstag, als ist meine Kolumne für den Tagesspiegel schrieb, mit dem Thema ‘Totensonntag’, mein lieber Freund Baha verstirbt, einer, der zu meinen Beiträgen sich oft äußerte.
In meiner Kolumne machte ich mich lustig über den Tod und erklärte nebenher, wie es bei Muslimen in der Türkei, bis zur Bestattung abläuft. Wie ich das immer mache, dass ich meine Kolumne aus der Zeitung, auch in meinem Blog Sonntags teile, wollte ich das heute Morgen tun. Es funktionierte nicht. Die Blockade konnte ich nicht knacken. Mich überkam das Gefühl, dass es pietätlos wäre. Also lasse ich es sein.
Hier ein kleiner Auszug aus dem Text:

“Nach dem Totengebet stellt der Geistliche die Masterfrage: „Vergebt ihr dem Toten?“ Die Standardantwort lautet: „Wir vergeben!“ Das wird drei Mal wiederholt, damit es auch der letzte versteht: Dass dem Toten alles vergeben wird. Wenn einige nur halbherzig oder zähneknirschend vergeben, weißt du Bescheid. Dieses Verhalten kannst du oft bei Beerdigungen von Geschäftsleuten erleben.

An die Toten wird zumeist an deren Todestag, vor dem Zucker- oder dem Opferfest gedacht. Dann besuchen die Angehörigen die Grabstätte auf dem Friedhof. Wenn sie am Friedhof angekommen sind, tauchen manchmal engagierte Laiendarsteller auf, die den Geistlichen ersetzen. Diese beten am Grab, was das Zeug hält und halten dementsprechend die Hand auf: Weil sie so gut für die Toten gebetet haben. Ob das, was arabisch klingt, irgendwie zu dem Anlass passt, wissen hinterher die wenigsten.”

Zu jedem Anlass fällt mir sofort eine Anekdote ein, die ich dann erzähle. Zum Korrigieren bleibt da keine Zeit mehr. Meine 86 jährige Mutter Leyla, telefonierte mit meiner Tante in Istanbul fast täglich. Es ging um Belangloses (nicht für die beiden), Klatsch und Kritik der TV-Serien vom Vorabend. Auch, wenn beide die identischen TV-Serien sich anschauten, so klingelte immer kurz vor der Ausstrahlung das Telefon: “Vergiss die Serie XY nicht, gleich geht es los!”. Das ging fast jeden Tag so, entweder rief meine Mutter an, oder meine Tante. Vor zwei Jahren verstarb dann meine Tante. Zu ihrer Beerdigung konnte meine Mutter, die sich mit Gehhilfe bewegen kann, nicht. Sie malte sich aus, wer alles aus der Familie, aber auch sonst bei der Beerdigung sein müsste und sagte “Wäre sie jetzt am Leben, könnte ich sie anrufen und fragen, wer alles bei ihrer Beerdigung war und wie alles ablief.” Bevor wir in Gelächter ausbrachen, schauten wir verdutzt zu ihr rüber. Wie hatte sie das gemeint? Zustand geistiger Umnachtung? Dem war aber nicht so. Sie lachte selber und sagte, es wäre ein Scherz gewesen. So ist sie und so bin ich auch. Wir nehmen das Leben nicht ganz so ernst und sind immer dabei, wenn man den Mitmenschen ein Lachen entreißen kann.

 

Vodafone Türkei FlatKaltstart X - Das Buch von Ahmet Refii Dener

Das könnte Dich auch interessieren …