Wenn Angst die Seele auffrisst.

Ich war fünf Jahre alt. Lesen, schreiben, Mathematik waren wir mir noch fremd, dennoch kann ich mich an die Anekdote erinnern, die mir mein Onkel erzählt hatte:

Man hat den Hund gefragt:

„Was bellst du so rum?“

„Die Leute sollen sehen, dass ich unerschrocken bin!“

„Warum bewegst du dann beim Bellen ständig deinen Hintern?“

„Aus Angst!“

In all den Jahren habe ich beobachtet, dass Menschen die Bellen, mit Gewalt, Folter und Willkürakten die Menschen einzuschüchtern versuchen, selber noch mehr Angst haben und mit ihren Hintern wedeln.

Während sie versuchen anderen Menschen Angst einzujagen, haben sie noch mehr Angst und um diese Angst zu unterdrücken, müssen sie den Menschen noch mehr Angst einjagen.

Die Menschen, die wirklich Herz haben und unerschrocken sind, haben es nicht nötig anderen Menschen Angst einzujagen und haben selber auch keine Angst.

Das Original ist von Aziz Nesin.

Erkl.: Aziz Nesin wurde auf der Prinzeninsel Heybeliada in Istanbul geboren und ging dort zur Schule. Sein Vater, Abdulaziz, kam aus der Provinz Giresun und arbeitete als Gärtner in Istanbul. Laut Aziz Nesin war sein Vater sehr religiös und ein loyaler Anhänger von Abdülhamid II. sowie ein Gegner von Atatürk. Er wuchs in einem konservativen Umfeld auf und bekam als Kind Koranunterricht von einem Freund seines Vaters. 1935 absolvierte er die Kuleli-Militärschule in Istanbul. Nachdem er 1937 auch die Militärakademie in Ankara absolviert hatte, wurde er Offizier in der Armee, aus der er 1944 wegen Amtsmissbrauchs entlassen wurde. 1945 wurde Nesin Mitarbeiter der linksgerichteten Zeitung Tan, deren Räume noch im selben Jahr von nationalistischen und islamistischen Studenten verwüstet wurden. Ab 1946 gab er mit Sabahattin Ali die Satirezeitschrift Markopaşa heraus, in der sie unter anderem die politischen Verhältnisse angriffen. Beide wurden nach der dritten Ausgabe verhaftet, aber nach 20 Tagen Haft ohne Anklage wieder auf freien Fuß gesetzt. Um der Zensur zu entkommen, benannten sie die Zeitung mehrmals um; Nesin ging 1947 nach Bursa, Ali wurde 1948 an der Grenze zu Bulgarien, vermutlich durch staatliche Stellen, ermordet. Aziz Nesin betrieb danach die Zeitung noch bis 1951 weiter.

In den Folgejahren arbeitete Nesin bei unterschiedlichen Zeitungen, darunter die Milliyet und veröffentlichte eine Reihe von Büchern. Seine Werke wurden immer wieder zensiert; er selbst saß insgesamt über fünf Jahre in

Untersuchungshaft, wurde aber immer wieder freigesprochen. 1962 gab es einen Brandanschlag auf seinen Verlag.

1972 gründete er bei Çatalca in der Nähe von Istanbul die Nesin-Stiftung für Kinder, deren Familien ihnen den Zugang zur Bildung nicht finanzieren können. Die etwa 45 Kinder und Jugendlichen (Stand: 2006) besuchen entweder staatliche Schulen oder Hochschulen. In einem liebevollen Umfeld sollen die Kinder zu kreativen und kritischen Menschen erzogen werden. Leiter der Stiftung ist Aziz Nesins Sohn, Ali Nesin. Er gründete auch eine private Hochschule; mit diesem Schritt wandte er sich gegen die autoritären Strukturen im türkischen Bildungssystem.

Aziz Nesin ist ein sehr populärer türkischer Schriftsteller; er schrieb über 100 Bücher, von denen einige in 40 Sprachen übersetzt wurden. Aufgrund seiner kritischen Haltung musste er bei über 200 politischen Prozessen vor Gericht erscheinen.

1993 wurde Nesin Herausgeber der Tageszeitung Aydınlık. Als er dort die türkische Übersetzung von Auszügen aus Salman Rushdies „Satanischen Versen“ herausgab, wurde er zum Hassobjekt islamischer Fundamentalisten, die ihn in einer Fatwa zum Abtrünnigen des Islams erklärten. Am 2. Juli 1993 versammelten sich islamische Fundamentalisten nach dem Freitagsgebet vor dem Tagungshotel, das schließlich angezündet wurde. Nesin überlebte leicht verletzt, aber 37 Menschen wurden getötet (siehe Brandanschlag von Sivas). Am 6. Juli 1995 starb er nach einer Lesung in İzmir an einem Herzinfarkt. Als Atheist hatte er in seinem Testament verfügt, dass für ihn keine islamische Trauerfeier abgehalten werden solle. Er wurde auf dem Gelände des Kinderdorfes anonym beigesetzt. Er ist der Vater des Mathematikers Ali Nesin. Aus Wikipedia

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