Tagesspiegel Kolumne: Türkei – Misstrauen als Geschäftsprinzip

EINMAL HINGESCHAUT: Der Big Boss lenkt alles – Misstrauen als Geschäftsprinzip von Ahmet Refii Dener, Tagesspiegel, v. 07.10.2018

Ein Freund von mir wollte in Istanbul heiraten. Ein Hochzeitstermin stand noch aus und sollte eines Abends festgelegt werden. Die Zukünftige kam mit einem klaren Hinweis: „Mein Vater hat gesagt, wir sollten auf keinem Fall an einem Freitag heiraten, weil dann Zahltag ist.“

Der Schwiegervater in spe war Händler für edle Stoffe, und wie alle türkischen Händler und Geschäftsleute hatte er den Zahltag am Freitag. Warum alle am Freitag den Zahltag haben, weiß ich nicht, aber da es das Freitagsgebet gibt und der Tag für die Muslime heilig ist, könnte es damit zusammenhängen. Bekanntlich stirbt die Hoffnung zuletzt und an einem Freitag müsste sie die beste Überlebenschance haben. Denkt man.

Traditionell fällt die Hoffnung – wenn es um Zahlungen geht – meist ins Wasser. Der Freitag ist der Tag der Ausreden. Die ehrlichsten kommen mit der Wahrheit: „Du weißt selber, wie es um die Wirtschaft steht.“ Das sagt man auch, wenn es der Wirtschaft gut geht. Beliebt sind auch die Ausreden: „Du weißt, wir gehen auf die Wahlen zu“, „Du weißt, es waren gerade Wahlen …“, „Du weißt, wir gehen auf die Feiertage zu“, „Du weißt, die Feiertage sind gerade mal um“. „Das Jahr geht zu Ende, du musst warten“, „Das Jahr hat gerade begonnen, du musst warten“.

Das alles passiert in einer Wirtschaft, in der keiner dem anderen traut. Das Wort „Vertrauen“ kann man aus der türkischen Sprache getrost streichen. Mir haben die Geschäftsleute aus dem Ausland schon immer leidgetan, die sich in der Türkei mit Einkäufern trafen, um etwas zu verkaufen. Der Einkäufer darf nämlich gar nichts kaufen.

Er kann lediglich eine Kaufempfehlung an den „Patron“, den obersten Chef, zumeist der Eigentümer, aussprechen. Das fehlte noch, dass der Chef sein Geld dem Einkäufer anvertraut. Nicht anders sieht es in der Buchhaltung aus. Der Patron muss jede Zahlung gegenzeichnen. Prinzipiell. Die Schecks liegen grundsätzlich in seinem Safe.

Dieser Zustand des Dauermisstrauens untereinander hat für Deutschland auch sein Gutes: Die Parteien beziehungsweise Gruppierungen in Deutschland, die den langen Arm der AKP oder Herrn Erdogans bilden, können zwar Unruhe bringen, aber niemals groß werden. Denn auch hier traut keiner dem anderen über den Weg.

Heinrich Zille hat es treffend formuliert: „Das Unglück ist, dass jeder denkt, der andere ist wie er, und dabei übersieht, dass es auch anständige Menschen gibt.“

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