Meine Kolumne aus dem Tagesspiegel: Hupen, um zu Träumen

Über türkische Kontakte auf deutschen Autobahnen.
Das, was ich heute erzähle, wird wohl kaum einem Deutschen bekannt sein: Die aufmerksamsten Lkw-Fahrer auf deutschen Autobahnen sind die türkischen. Wenn du nämlich als Türkischstämmiger auf der Autobahn fährst und einen Lkw mit einem türkischen Kennzeichen siehst, wirst du schon als Autofahrer hellwach und fängst sofort an, kreuz und quer die Beschriftung auf der Plane des Lkw zu lesen. Woher kommt er? Wie weit ist er von seinem Heimatort weg? Was transportiert er? Es ist, als würde ein Stück Türkei vor dir fahren.

Auch wenn du nicht vorgehabt hast, zu überholen, gibst du Gas. Dem Fahrer kenntlich machen, dass du auch die galoppierenden türkischen Gene hast, die einen total aus der Bahn werfen können!

Dann passiert es! Auf einer Höhe angekommen, haue ich zwei Mal auf das Lenkrad, weil ich dort an meinem neuen Auto die Hupe vermute. Falsch! Chance vertan! Diesen Fahrer konnte ich nicht wachrütteln und ihm Grüße aus der türkischen Heimat übermitteln, wo ich so lange nicht mehr war und auch nicht sein werde.

Die nächste Chance kommt schnell – zumindest an Werktagen. Diesmal: ein Lkw aus Antakya. Wieder Kopfkino. Antakya ist nämlich die Stadt, in der du die Türkei schon hinter dir lässt, direkt an der syrischen Grenze. Türkei-Deutschland ist schon eine schöne Strecke – aber dieser Lkw hat mehr geschafft. Von Istanbul nach Antakya ist es fast genauso weit wie von Istanbul nach München.

Mein Sohn ruft: „Papa, hup doch!“ Nun stehen wir kurz vor dem großen Moment (den wir wegen der vielen türkischen Lkw eigentlich alle paar Minuten wiederholen könnten). Auf einer Höhe angekommen, ertönt es endlich: „Huuup, huup!“ Sofort reagiert der Fahrer, entweder mit zwei- oder mehrmaligem Hupen.

Mein Hupen bedeutet: Schau, hier ist einer, der kommt auch daher, wo du herkommst. Auch wenn du glaubst, alleine, fern der Heimat unterwegs zu sein, nein, du bist nicht allein. Das Hupen des Lkw-Fahrers bedeutet: Ach, da ist schon wieder einer, der mich zu Hause fühlen lässt. Wo mag der Fahrer herkommen? Wie lange lebt er schon in Deutschland? Der Junge hinten hat mir sogar zugewunken. Was mögen meine Kinder in der Heimat wohl tun? Der Fahrer und ich, egal wo wir herkommen, woran wir glauben oder nicht, waren für diesen Augenblick eins.

Wer von Euch schnell im Kopf in die Türkei reisen möchte, hupt zwei Mal einem türkischen Lkw-Fahrer zu. Ihr macht den Fahrer damit glücklich und Euch selbst auch.

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