Die Rechtsanwaltfabriken der Türkei

„Was wird Ihre Tochter studieren?“ Die Mutter: „Wir haben ihr geraten Rechtsanwältin zu werden, es ist ein angesehener Beruf, wie Sie wissen.“

Das war es mal vielleicht in der Türkei, aber das ist nicht mehr der Fall. Derzeit soll es 105.000 Rechtsanwälte geben und davon die meisten, mit 41.000 in Istanbul.

Derzeit gibt es jedes Jahr 16.000 neue Rechtsanwälte, zumeist Rechtsanwältinnen. Die Zahl der Rechtsanwälte steigt von Jahr zu Jahr immer weiter. Es ist einfach erklärt, warum das so ist. Eine Fakultät für Rechtswissenschaften in eine Universität zu integrieren ist denkbar kostengünstig und die Nachfrage nach dem Beruf ist recht groß. Wie sagte eines der angesehenen Rechtsanwälte der Türkei: „4 Klassen mit 30 Stühlen, 4 schwarze Tafel und schon können sie loslegen.“

Durfte man 1983 in fünf Universitäten der Türkei Jura studieren, so kann man das 2018 in 120 Universitäten. Ich weiß, die Zahl der Unis lässt einen staunen, aber jeder der die Finanzmittel dazu hat, eröffnet eine Universität. Qualität spielt dabei eine untergeordnete Rolle, ist auch kaum zu realisieren, zumal die Lehrkräfte fehlen, aber es geht ja sowieso um die Quantität.

Als eine bekannte Kanzlei 10 PraktikantenInnen einstellen wollte, bewarben sich gleich 3.000. In der Praktikantenzeit gibt es kein Geld. Wer Rechtsanwalt werden möchte, muss selber Geld bringen. So ein Studium kann man in zwei Jahren durchziehen.

Einige, die der AKP nahe stehen, wurden in der Vergangenheit zu Staatsanwälten und Richtern erklärt, direkt von der Schulbank aus.

Das dicke Ende kommt nach dem Studium. Eine Horde von Rechtsanwälten, die kaum Fälle bekommen und am Ende zu anderen Berufen ausweichen.

Recht wird selten gesprochen. Unter Erdogan sowieso kaum mehr. Als die Staatsanwälte und Richter mal befragt wurden, was für sie vorrangig wäre, der Staat oder die Gerechtigkeit, sagten 85% „der Staat“.

Ende der Durchsage.

Noch was! Ich habe in der Türkei einigen Gerichtsverhandlungen beigewohnt. Es geht recht seltsam und schnell zu. Eigentlich wird alles in Schnellverfahren ad acta gelegt. So richtig zu Worte kommt eigentlich kein Anwalt. Vor einigen Monaten passierte es wieder in Alanya, dass ein Fechtlehrer, dem man von privater Seite ‘Lebenslänglich’ androhte, am Ende nach 45 Minuten Verhandlung 65 Jahre bekam. “Sexuelle Belästigung” lautete das Urteil. Ich möchte den betreffenden nicht von Schuld freisprechen, aber wenn man jemanden mit Ankündigung aus dem Leben wegradiert, hätte man zumindest zu Showzwecke einige Tage verhandeln können.

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