Codename: Mama-Slip – Die Art, wie man eine Marke vernichtet.

Seit Jahr und Tag hört man auf vielen türkischen Konferenzen, Stellungnahmen von Wirtschaftsbossen und Workshops mit Experten in der Türkei, dass die Türkei ‚Marken‘ und damit Mehrwert schaffen muss.

Dazu gibt es auch reichlich Fördermittel, die zwar am Ende keine Marke ergeben, aber den, der diese beantragt und bekommen hat, gut leben lassen. Das geht in die Hunderttausende von Euro, kann aber auch Millionen betragen, wenn man die entsprechende Nähe zu den richtigen Personen in Ankara hat.

Ich bekam vor langer Zeit von einem deutschen Konkursverwalter den Auftrag, eine Textilmarke zu verwerten.

Sofort sah ich die große Chance, diesen an ein türkisches Unternehmen zu vermitteln. Schließlich war die Marke, nach einer Branchenumfrage, obwohl vier-fünf Jahre nicht mehr am Markt vertreten, in der betreffenden Sparte in Deutschland, immer noch die dritt bekannteste Marke.

Ein türkischer Textilhersteller hätte mit der Marke locker zu einem Höhenflug in Deutschland ansetzen können. Leichter gesagt als getan. Finde mal einen Hersteller, der diese Weitsicht bringt und bereit ist, aus dem Eingemachtem diesen Betrag zu investieren.

Am Ende ging es um einen fünfstelligen DM Betrag. Ein Schnäppchen also. Es kam noch besser. 600 neue Modelle, die noch nicht auf dem Markt waren mit Schnittmustern, Mustern und Fotos mit Top-Modells hätte man mitbekommen können.

Am Ende kaufte die Marke ein Türkischstämmiger aus Deutschland. Mein Auftrag war erfüllt, aber die Marke tot. Deutschlands Top-Marke in den Händen eines Ahnungslosen, der zwar mit Textilien handelte, aber mit einer Marke nichts anfangen konnte. Als der Käufer mir sagte, dass er einen kennen würde, der gute Kontakte zu den Einkäufern von einer Textileinzelhandelskette hätte, um die Produkte zu verkaufen, wies ich ihn daraufhin, dass man mit so einer Marke keine besonderen Beziehungen bräuchte. Die Marke würde sich von alleine schon anbieten bzw. verkaufen.

Ich suchte mir die Nummer der Zentrale der gemeinten Textileinzelhandelskette aus und rief dort an und verlangte nach dem Einkäufer der Produktgruppe. „Welches Unternehmen darf ich anmelden?“ fragte die Telefonistin. Ich nannte die Marke und wurde sofort weiter verbunden. Der Einkäufer: „Das ist ja toll, dass die Marke wieder am Markt ist, wann können Sie vorbeikommen?“

Telefon hatte ich auf laut gestellt, damit die Käufer der Marke mitbekommen, wie so etwas funktioniert. Sie waren begeistert. Dem Einkäufer am Telefon sagte ich, dass die neue Kollektion gerade zusammengestellt werden würde und wir uns nochmals melden würden.

Danach hatte ich einige Monate keinen Kontakt mehr zu den Eigentümern der Marke. Als wir uns wieder begegneten, kam ich aus dem Staunen nicht raus. Das erste Produkt mit einem der Top-Marken in Deutschland war ein sogenannter Mama-Slip. Slip ist eigentlich bei diesem Produkt eine Verniedlichung, wie ich finde. Das war das Todesurteil der Marke.

Um die Marke aufzubauen, weiterzuführen und am Leben zu erhalten, braucht man Experten, Geld und Geduld. Davon gibt es nicht viel in der Türkei und außerdem, mit “Mama-Slip-Verständnis” funktioniert so etwas nicht.

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