Meine Kolumne aus dem Tagesspiegel: Die Wahrheit aufspüren

Die Wahrheit aufspüren – Ahmet Refii Dener über die geschönte Berichterstattung in der Türkei –

An die Pressezensur in der Türkei muss ich mich nicht halten, denn schließlich lebe ich in einem freien Land. Auch wenn man mir öfter mit einem Anflug von Whataboutism entgegenhält: „Ja, aber in Deutschland ist es auch nicht besser“. Ich entgegne dann: „Es ist aber immer noch um ein Vielfaches besser als in der Türkei.“

Wo ich recherchiere, wenn es um meine neuen Blogbeiträge geht? Klar bediene ich mich neben meinem eigenen Netzwerk auch bei den türkischen Medien. Nur ist dort mittlerweile fast alles gleichgeschaltet. Wenn die Wahrheit versteckt ist, gehört schon Übung dazu, sie zu finden.

Über wirtschaftliche Themen darf man in der Türkei nichts „Negatives“ schreiben. Es wird als „spekulativ“ eingestuft und man kann der Unterstützung einer terroristischen Organisation bezichtigt werden. Wenn man aber etwas Positives, aber Unwahres schreibt, wie die Erdogan-Presse, dann ist das selbstverständlich nicht „spekulativ“.

Über die Jahre habe ich in meinem Blog an die 5000 Beiträge gebracht. Die, die kritisieren, dass ich negativ über die Türkei berichte, sollten die Beiträge früherer Jahre mal lesen und staunen, wie positiv diese sind. Aber wenn man bei der Wahrheit bleibt, gibt es derzeit nichts, was man schönreden könnte.

Bei eigentlich talentierten Fußballern sagt man am Karriereende: „Sein schlechter Charakter stand ihm im Weg.“ So ähnlich sieht es mit der Türkei aus. Eigentlich ist es ein Land mit enormem Potenzial, aber die Politiker stehen der Entwicklung im Weg. Erdogan trieb es auf die Spitze und machte die Türkei komplett importabhängig. Das Land blutet still und leise aus. Die Leidensfähigkeit des Türken ist – nicht erst seit Erdogan – hoch und antrainiert. Die Angst regiert, dass man das wenige, was man hat, auch noch verliert.

Trotzdem gibt es positiv klingende Meldungen, die sich aber oft als heiße Luft erweisen. Oder klingt es etwa nicht positiv, wenn die Umsätze des Einzelhandels in Einkaufszentren in der Türkei im Juli, zum Vergleichsmonat des Vorjahres, um 22 Prozent gestiegen sind? Klar, wenn man dabei verschweigt, dass der Einzelhandel in den Einkaufszentren die Miet- und Nebenkosten auf Euro- und Dollar-Basis bezahlen muss, aber der Umsatz in Lira fließt, die gegenüber diesen Währungen (in dem genannten Zeitrahmen) fünfundsiebzig Prozent an Wert verloren hat.

Es ist derzeit recht anstrengend, über die Türkei zu berichten, wenn man bei der Wahrheit bleiben möchte.

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Foto: pixabay

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