Türkei: Wie man Fördergelder bekommt?

Es war im Sommer 2015 als ich von den Veranstaltungen der KOSGEB (Behörde zur Förderung von Klein- und Mittelständischen Unternehmen in der Türkei) und des Arbeitsamtes der Stadt Alanya hörte. Ein zweiwöchiges Seminar, zur Erlangung des Zertifikats für den Erhalt von den Fördermitteln. Der Andrang war groß, an die Eintausend wollten an den Seminaren teilnehmen. Wie in solchen Fällen üblich, wer das bessere Netzwerk hat, mahlt zuerst. Also gehörte ich zu der ersten Gruppe von 30 Personen.

Mir ging es nur darum festzustellen, was da beigebracht wird, zumal doch ein Businessplan im Leben des Türken zumeist niemals eine Rolle spielt.

Unser Lehrer stellte sich vor. Erzählte davon, dass er durch Land reist, um die Kurse abzuhalten. Zwei Wochen lang würden wir von 9 bis 16 Uhr zusammen sein und lernen, wie man in die Selbständigkeit geht und was man alles anstellen muss, um in die Gunst der KOSGEB Fördermittel zu kommen.

Danach sprach er folgenden Satz aus: „Wie ich aus anderen Veranstaltungen weiß, denken einige von Euch, dass am Ende des Kurses Euch ein Zertifikat ausgehändigt wird, ohne diesen eine Förderung nicht möglich ist, und ihr unten am Schalter Euch 50.000 TL (2015 ca. 16.000 EUR und heute nur noch 6.800 EUR) abholen könnt.

Dem ist aber nicht so. Ihr müsst erst einmal einen Businessplan machen, Euer Vorhaben und die Plausibilität darstellen und erst nach dem Antrag, wird entschieden werden, ob Ihr den Betrag bekommt.“

Der Satz war gerade ausgesprochen, wurden einige laut. „Das ist Betrug, warum hat man uns das nicht vorher gesagt?“ Tatsächlich glaubten einige, wenn man zwei Wochen absitzt und so tut, als würde man hinhören, was der Lehrer sagt, gäbe es ‚Cash‘.

Danach waren wir nur noch acht Personen. Die anderen sind fluchend und kopfschüttelnd gegangen.

Da ich teilnahm, weil ich neugierig war und alles schon von Berufs wegen wusste, in der einfachsten Form erklärt bekam, blieb mir die Luft weg. Die Langeweile die ich verspürte verursachte körperlichen Schmerz (Lach).

Wir bekamen am Ende des Tages eine Hausaufgabe und sollten fiktiv ein Projekt darstellen und argumentieren, warum wir von einem Erfolg des Projektes überzeugt waren.

Statt um 9 Uhr konnten wir am zweiten Tag um 10 Uhr anfangen. Jeder der Teilnehmer dachte, die anderen würden sich verspäten und kam später. So musste ich als einziger eine Stunde auf die Teilnehmer warten. Der Lehrer kam mit 20 minütiger Verspätung an, weil er ebenfalls annahm, wir würden uns verspäten.

„Lasst uns mit den Hausaufgaben anfangen“ sagte er und fragte, wer als erste vortragen wollte. Es stellte sich heraus, dass ich als einziger die Hausaufgaben gemacht hatte. So ging ich an die Tafel und stellte mein Projekt vor. Samt unserem Lehrer waren alle sehr angetan und klatschen am Ende richtig lang.

Der Lehrer wollte mehr wissen, was ich so mache. Als ich ihm so einiges erzählte, wunderte er sich, warum ich denn dabei wäre. Er sagte, dass die KOSGEB sicher noch nie zuvor solch eine Projektvorstellung gesehen oder gehört hätte.

Wir machten weiter im Unterricht, nur merkte man, dass der Lehrer nach meinem Vortrag sichtlich gehemmt war und mich anfing „Hodscham“ zu nennen. Im Türkischen sagt man zum Lehrkörper, genau wie zu den Geistlichen; „Hodscha“. Irgendwie mochte er nicht mehr vortragen und sagte am Nachmittag des zweiten Tages: „Hodscham, wie wäre es, wenn ich die Überschriften nenne und Sie das Ganze vortragen. Da können wir was von Ihnen lernen.“

Die restlichen 7 Schüler und der Lehrer waren hellwach und machten gut mit. Da ich flüssiger erzählte, waren wir nach 6 statt 14 Werktagen durch. Am vierten Tag hatte sich rumgesprochen, dass ich dort neben dem Stoff, die wir abhandeln mussten, auch aus dem Nähkästchen erzählte.

Zu den Schülern und dem Lehrer gesellten sich noch einige von der IHK, vom Arbeitsamt und sogar Entscheider des KOSGEB aus Antalya. Full House!

Mit dem Lehrer tauschten wir die Rollen erst am letzten Tag, denn er gab uns die Zertifikate. Ich hatte die Prüfung bestanden. Nein, nein, es ging nur um die Teilnahme. Fünf von den sieben gingen tatsächlich in die Selbständigkeit. Ich half denen, wie ich nur konnte.

Von der KOSGEB bekamen sie aber alle keine finanzielle Unterstützung, obwohl die Zusagen bei allen vorlagen. Es kam nämlich das putschähnliche Irgendwas vom 15. Juli dazwischen. Viele an der Spitze der KOSGEB sind suspendiert worden und die, die neu dazu kamen hatten Angst, sie könnten evtl. einem Gülen-Anhänger Geld bzw. Fördermittel ausgeben. Also ließen sie es sein.

Dennoch, wenn die Lage wieder normalisiert und wieder Geld da ist, werden die Antragsteller wieder mit Geld bedient werden.

 

 

 

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