Der Fall Pastor Branson – Ein Glücksfall für Herrn Erdogan?

Sicher waren die Absichten der türkischen Seite, als man damals Pastor Branson verhaftete, andere. Er sollte der Teil eines Tauschgeschäftes sein, nämlich ein Tausch ‚Geistlichen gegen Geistlichen‘. So sollte Gülen wieder nach Türkei zurückgeholt werden.

Was die Türkei des Herrn Erdogan Pastor Branson vorwirft ist unwichtig, denn das wirft man in der Türkei jedem vor, der dem Herrn Erdogan und seinem Regime nicht gut gesonnen ist.

Dass Pastor Branson dem Herrn Erdogan in einer ganz anderen Weise nützlich werden könnte, war eher ein Nebeneffekt, wie es sich später herausstellen sollte.

Die Wirtschaftszahlen des Landes waren miserabel. Sechszehn Jahre Raubbau und fehlende Finanzdisziplin der Regierung, die falschen Strategien, wenn man überhaupt welche hatte, hatten der Wirtschaft schwer zugesetzt.

Was dann passierte, war für Herrn Erdogan ein Glücksfall.

Er konnte wieder in die Opferrolle schlüpfen. Die Misere, in die er das Land steuerte, konnte er jetzt der USA zuschieben.

Dass die Devisen so rasant in die Höhe schießen, hat nämlich nichts mit der Situation der türkischen Wirtschaft zu tun. Das ist ein Wutausbruch der USA.  Die USA verfügen halt über die Leitwährung. Die türkische Wirtschaft wäre auch so in die Krise geschlittert bzw. befand sich schon mittendrin. Der schnellere Wertverlust der Lira, gesteuert von der USA, ist eher ein Booster.

Am Anfang erhöhten die USA den Druck auf die Türkei und verlangten die Freilassung von Pastor Branson. Die erste Druckwelle muss schon so massiv gewesen sein, dass auf ein Tweet des Herrn Trump hin den Pastor aus dem Gefängnis entlassen und unter Hausarrest genommen wurde. Eigentlich an dieser Stelle des Spiels eine große Niederlage für Herrn Erdogan.

Jetzt kam der Stellvertreter von Trump ins Spiel. Pence drohte der Türkei offen für den Fall, dass Branson nicht freikommt, mit weiteren Maßnahmen. Pence ist in dieser Angelegenheit eigentlich die treibende Kraft, denn Pence bezeichnet sich selbst als “Christ, Konservativer und Republikaner – in dieser Reihenfolge” und begründet damit seine Hardliner-Agenda.

Vor den Kameras gab er ein Versprechen ab: „Wir bekommen Pastor Branson frei!“ Als er das sagte, konnte man erahnen, dass es ganz Dicke kommen würde für die Türkei.

Jetzt gab es für Herrn Erdogan zwei Möglichkeiten. Branson ins Flugzeug setzen und nach Hause schicken, wäre mit nochmaligem Gesichtsverlust verbunden, denn er wollte sich nicht sagenlassen: „Schau, wie klein er wurde, als die USA drohten!“. Nein, jetzt kamen wieder seine Opferinstinkte hoch.

Erdogan, das ewige Opfer

Warum sollte er nicht die Situation zu seinen Gunsten ausnutzen? „Wir behalten Branson und lassen die USA machen, die türkische Wirtschaft ist uns sowieso egal, es soll später den Anschein haben, dass die türkische Wirtschaft wegen den USA in Schwierigkeiten geraten sei“ wird er sich in etwa gedacht haben.

Jetzt hat er wieder die Opferrolle inne und nichts kann mehr schiefgehen für ihn. „Die Amis sind schuld!“ und er ist wieder einmal fein raus.

Auch wenn er mittlerweile alt geworden ist, würde ich mir wünschen, dass die Amerikaner Rambo schicken und Pastor Branson befreien, damit wenigstens dieser Teil der Geschichte ein Ende hat und wir uns in der Türkei auf die wirklichen Probleme konzentrieren, die es zu lösen gibt.

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