Agrarwirtschaft der Türkei: Die Heilung soll durch Aspirin kommen.

Die Energieimporte versucht man durch Slogans wie: “Wir müssen auf alternative Energien setzen!” in den Griff zu bekommen. Das Leistungsbilanzdefizit versucht man in den Griff zu bekommen, in dem man sagt: “Wir müssen viel selber produzieren, damit wir nicht mehr soviel importieren müssen.” In der Agrarwirtschaft sagt man: “Die Türkei war mal Selbstversorger. Wo sind wir nur hingekommen mit unserer Agrarwirtschaft?” Der Unterschied zu den anderen Slogans ist, in der Agrarwirtschaft ist man nicht mal in der Lage einen zukunftsweisenden Satz zu bilden.

Ich, der noch nie in seinem Leben auf einem türkischen Agrarbetrieb war, komme nicht davon los, immer wieder darauf hinzuweisen, dass die Agrarwirtschaft der Türkei, über kurz oder lang, bedeutungslos werden wird. Zu dem Schluss komme ich durch meine vielen Gespräche mit den Leuten, die mit der Agrarindustrie direkt befasst sind. Ja, eigentlich die direkt Verantwortlichen sind. Die wunden Punkte kennt man, doch statt zu operieren und anschließend in die Reha zu schicken, verabreicht man dem Patienten Agrarindustrie ein ‚Aspirin‘ und schon macht man weiter. Dann sieht man, es hat nicht funktioniert und gibt dem Todkranken zwei Aspirin, oder gibt ihn auf.

In der Türkei werden in 70% der Agrarbetriebe neben Tierhaltung, auch Obst und Gemüse angebaut. Der Sortenvielfalt ist dabei so groß, dass es dabei zu keiner Spezialisierung kommt.

Auch ist die türkische Agrarwirtschaft, was die eingesetzten Techniken und Verfahren angeht, weit hinter den Weltstandards. Die schlechte Ergiebigkeitsquote zeigt, dass man auf dem falschen Weg ist. Den Beweis, dass in der Agrarwirtschaft der Türkei etwas falsch läuft, kann man mit dem Vergleich zu den Niederlanden bringen. Die Niederlande sind etwas größer als die mittelanatolische Stadt Konya. Die Agrarexporte der Niederlande betragen 90 Milliarden USD und die der Türkei 17-18 Milliarden USD. 17 Millionen Menschen erwirtschaften auf kleinster Fläche das 5fache der Türkei mit seinen 82 Millionen Menschen und dem riesigen Land, auf dem Agrarsektor.

Dieser Zustand ist auf vielen Gebieten so, nicht nur in der Agrarindustrie. Statt die eigene Agrarwirtschaft gegenüber ausländischen Anbietern zu schützen, wie das in anderen Ländern üblich ist, hat der Staat es vorgezogen, die Agrarindustrie stiefmütterlich zu behandeln.

Die hohen Devisenkurse jetzt, aber die ständigen Schwankungen der Kurse schon immer, lassen keine Planung zu. Heute zahlt der Bauer, weil die Anbieter die Kursrisiken nicht tragen wollen, über eine Preisliste, welches nur Euro oder USD Preise ausweist. Früher gab es für die Bauern Lieferantenkredite. Heute müssen sie sogar, bei Übernahme der Ware, Devisen in bar auf dem Tisch legen.

Auch die Subventionen werden nicht über die produzierte Menge gegeben, sondern über die Agrarfläche, die man besitzt. So erhalten viele Brachlandbesitzer enorme Subventionen und müssen lediglich planen, wo sie das Geld ausgeben.

Als z.B. die Zahlen der Büffel stark zurückging in der Türkei, wurde Büffelzucht gefördert. Schaut man heute, wo die meisten Büffelzuchtbetriebe sind, staunt man nicht schlecht. Um Istanbul herum. Es ist unschwer zu erraten, wie das zustande kommt. Die Reichen witterten neue Einnahmequellen und schnappten sich die dafür ausgeschütteten Subventionen. Die Grundstücke hatten sie bereits, oder kauften welche hinzu und wiesen diese für die Büffelzucht aus.

Die türkischen Bauern sind schlecht ausgebildet und werden nicht weitergebildet. Dass es neue Verfahren gibt, die sie anwenden könnten, um effektiver zu sein, wissen sie nicht. Eigentlich ein Gesamtbild der türkischen Wirtschaft.

Die Dürre war in der Türkei schon immer ein Thema, die man aber lieber verschwieg. Der Klimawandel kommt außerdem als Booster nun hinzu. Alles wird sich viel schneller zum Schlechten wenden als gedacht. Als gedacht? Eher hat man das Gefühl, dass es niemanden interessiert, was passieren kann und wird. In den Tag hineinleben, bis es irgendwann nicht mehr geht.

Der Vertrieb der Agrarprodukte ist katastrophal organisiert. Die Bauern sind so schlecht organisiert, dass sie nur ein Bruchteil des Betrages sehen, was der Konsument am Ende für ihre Produkte bezahlt.

Eines der Gründe für die schlechte Situation der Agrarwirtschaft sollen die zu kleinen Felder sein, die man einsetzt.

Die Bekämpfung der Tierseuchen, besonders bei Rindern, soll ebenfalls vernachlässigt worden sein.

Zu all diesen Negativpunkten kommt noch hinzu, dass in der heutigen Zeit viele glauben, Beton könnte Menschen satt bekommen. Unter dem Vorwand „Zum Wohle des Gemeinwesens“ (Kamu Yararına), werden die Agrarflächen zu Bauflächen umgewandelt. Wäre es nicht eher zum Wohle des Gemeinwesens, wenn die Türkei, wie es mal früher der Fall war, mit einer funktionierenden Agrarwirtschaft, wieder zum Selbstversorger wird?

Den einen bekannten Witz, dass ein Bauer vom höchsten Skyline des Landes runterspringt und im freien Fall einem auf der ersten Etage zuruft „Siehst du, bisher ist nichts passiert!“, kann man für alle Ebenen der türkischen Wirtschaft anwenden. Vom Industrie 4.0 reden, aber vier zu null zurückliegen.

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