Rassismus online diskutieren. Geht das?

Von Sabine Raiser. Rassismus in Deutschland. Gibt es. Schon immer. Mal mehr. Mal weniger. Tatsächlich und gefühlt. Wo nicht? Seit Jahrzehnten kämpfen WIR dagegen an. Mal mehr, mal weniger erfolgreich. Für die einen ist die aktuelle “MeTwo” Debatte, ein aktuelles Thema großer Wichtigkeit, damit Ungleichheit in Behandlung und Bewertung bewusster und im besten Falle beseitigt werden können. Für die anderen ist es eine weitere Spaltungsrhetorik, die in “Wir & Ihr” zerteilt, anstatt Gemeinsamkeiten zu beleuchten und andere harte Themen, die alle betreffen zu fokussieren und im besten Falle vereint zu beseitigen. Wahrscheinlich haben beide Seiten Recht und Unrecht. Je nach Perspektive und Erfahrung. Schön, wenn man sich das gegenseitig zugestehen kann.

Rassismus, kein Begriff wurde in den letzten vier bis fünf Jahren so überstrapaziert und damit leider bis zur Unkenntlichkeit verwässert wie dieser. Die einstige Erkennungstiefe und Schärfe ist ihm damit abhandengekommen. Wer heute insbesondere in der Netzwelt gefühlt nicht alles als Rassist gilt. Da wundert man sich, dass 87 % der Deutschen die AfD NICHT gewählt haben.

Wenn über „Rassismus“ in Deutschland diskutiert werden soll, dann jedenfalls mit der nötigen Differenzierungstiefe. Dies hieße, ein Riesenfass aufzumachen. Nur zum Beispiel: dann würde die Thematik auch auf die laut Bundeszentrale für Politische Bildung größte rechtsextreme Organisation in Deutschland, die Grauen Wölfe, zu sprechen kommen. 18.000 Mitglieder. Sind das auch Rassisten? Und wenn ja, sind ihre Mitglieder, die die deutsche Staatsbürgerschaft haben, dann auch deutsche Rassisten? Oder türkische? Trotz deutscher Staatsbürgerschaft? Also genauso wie die der NPD mit nur einem Drittel der Mitglieder. Oder wie die bei Pegida? Sollten „Wir“, also alle Nicht-Rassisten, dann nicht lieber gegen all diese vereint argumentieren, anstatt uns hier und da in kleine Scharmützel zu verpuffen? Sollten wir nicht lieber geleitet von dem Gemeinsamen Kleinen Nenner unserer verbindenden Werte vorgehen? Hieße das unsere Wurzeln verleugnen müssen? Keinesfalls.

Kompliziert das alles. Global und miteinander vernetzt. Im Guten wie im Schlechten. Und das dann noch bei einer Debattenkultur, die, weil öffentlich und somit oft und selbst bei bewussten und wohlwollenden Menschen, auf Rechthaberei und Profilierung beruht, wie sie im Netz vielfach vorzufinden ist. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass das mit MeTwo funktioniert. Das Thema ist zu komplex.

Die Kommunikation im Netz ist zu flach und emotional. Für ein solches Thema. Es geht mir nicht darum, die Probleme unter den Teppich zu kehren. Im Ggenteil. Raus damit. Dort wo man wirklich miteinander spricht. Dort, wo man keine Angst haben muss, für die eigene Meinung aufs Übelste angegangen zu werden. Von Menschen, die dich nicht kennen und die sich nicht für dich interessieren.

Facebook & Twitter sind für ein so wichtiges Thema nicht die richtige Plattform. Sie sind in der bekannten Debattenkultur zu oberflächlich, zu hart und zu egozentrisch für ein Thema, das Verständnis und Respekt bringen soll. Daher werde ich weiterhin, wie ich das seit vielen Jahren gut und gerne mache, Gleichgesinnte treffen, ganz gleich welcher Herkunft treffen. Mit ihnen schöne und interessante mal sinnvolle und mal sinnlose Zeiten in Freude und Respekt verbringen.
Bleibt mir gewogen. Oder nicht. Glück Auf!

Die Autorin Sabine Raiser war zwanzig Jahre Mitgründerin von IT-Unternehmen und zuständig für die Bereiche Unternehmenskommunikation & Personalentwicklung. Jetzt betreibt sie ein kleines Hotel in der Heidelberger Altstadt (Kann ich wärmstens empfehlen. ARD)

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