Lynchjustiz in Istanbul – Doch es war alles ganz anders

Nein, ich werde nicht wie die türkischen Nachrichtensendungen über solche Fälle berichten. Es ist aber eine Momentaufnahme, wie schnell was passieren und wie schnell alles in eine verkehrte Richtung verlaufen kann in der heutigen Türkei. Es macht schon sprachlos, wie gewaltbereit die Bevölkerung ist. Aber man hat ihnen ja jahrelang erzählt und sogar gewünscht, das Zivilpersonen gegen Andersdenkende, Kurden, sogenannte Gülenisten , Putschisten und Terroristen eigenhändig vorgehen sollen. So produziert man ein neues Rechtsverständnis.

Lynchjustiz auf offener Straße in Istanbul-Maltepe. Der Vater des behinderten Mädchens (6 Jahre) sagte: „Er wollte meine Tochter in den Park bringen und Spaß haben. Als dann die Bevölkerung ihn Lynchen wollte, habe ich ihm der Polizei übergeben.“ Keine schlüssige Aussage, wie ich unten noch erklären werde.

Wer den Mob auf den jungen Mann gelenkt hat ist nicht klar, nur als er ganz am Ende durch die Polizei gerettet werden konnte, sollte er ins Krankenhaus gebracht werden. Er wollte das nicht. Daraufhin ist er zur Vernehmung in die Polizeiwache gebracht worden. Der Zustand des Verdächtigen verschlechterte sich. Bei ihm kam Blut aus den Ohren und er starb. Das war die Nachricht in den Medien.

Jetzt kommt die Aussage einer Augenzeugin, die in der Cumhuriyet gedruckt wurde. Danach ist alles ganz anders verlaufen.

„Abends um 22:30 Uhr saß ich mit meinen Freunden im Bistro gegenüber dem Platz, wo sich alles abspielte. Eine Frau wollte vom Geldautomaten Geld abheben. Sie hatte ein kleines Mädchen bei sich. Da kam dieser Mann auf die beiden zu und sagte, dass seine Kinder nichts zu Essen hätten. Er sagte „Gönne es mir“ und schnappte der Frau das Geld aus der Hand. Dabei nahm er das auf dem Boden gefallene Handy der Frau auch noch mit. Als die Frau und das Mädchen zu schreien anfingen, lief eine große Menge hinter dem Täter her. Als wir die Laute hörten, sind wir in diese Richtung gelaufen. Der Täter wurde von den aufgebrachten Menschen mit den Füßen getreten. Er lag auf dem linken Ohr und schaute schon ziemlich leer, dass man annehmen konnte, dass er nicht bei Bewusstsein war. Auf dem Boden, unter seinem Kopf bildete sich eine Blutlache. Die Schreie der Frau und des Mädchens, stachelten die Menschen immer wieder an. Diese Aussage werde ich auch bei der Polizei machen.“

Ein Beispiel dafür, wie geladen die Menschen sind. Sie warten nur auf einen Anlass und explodieren.

Der Fall ist nach dem Augenzeugenbericht ziemlich eindeutig. Für die Meute spielte es keine Rolle, was passiert war. Schreiende Frau mit Kind, die in der letzten Zeit sich häufenden Übergriffe gegen Kinder in den Köpfen und schon war der Grund für die Tat angedichtet. Der Lynchjustiz stand nichts mehr im Wege.

Das Beste war noch, dass einige aus der Meute in die Kameras sagten, dass sie härtere Strafen gegen Kinderschänder verlangten, dabei hatten sie gerade einen Mann gelyncht. Was ist mit den Strafen für diese Mörder?

Auch dass die Polizei den Mann ins Krankenhaus bringen wollte und dieser es ablehnte, wirft nach der Aussage des Augenzeugen Fragezeichen auf. Wenn dem Mann schon Blut aus dem Ohr rauskam, ihn in diesem Zustand in die Polizeiwache mitzunehmen… Kann die Polizei so etwas gemacht haben?

Als ich einige unterschiedliche Meinungen über diesen Fall recherchieren wollte, merkte ich, wie oft Lynchjustiz passierte in der Türkei. Um das Betreffende zu finden, musste ich erst einmal mich durch die Lynchnachrichten durcharbeiten.

Die Aussage der Augenzeugin deckt sich auch mit dem Profil des Täters. Er war schon mehrmals verurteilter Taschendieb und Einbrecher. Die Aussage des Vaters des Mädchens scheint ein Phantasieprodukt und die Suche nach einer Rechtfertigung zu sein, dass sie nicht schuld am Tod des Mannes sind.

So etwas passiert, wenn man der eigenen Justiz nicht traut.

 

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