Innovation setzt Freiheit voraus

Das Pro-Kopf-Einkommen der Türken war schon immer schwer zu durchschauen. Vor einigen Jahren hatte sich auch The Economist schwer vertan.

Zuerst war die Schlagzeile, dass das Pro-Kopf-Einkommen der Türken innerhalb von 10 Jahren sich verdreifacht hätte.

Schon am nächsten Tag kam die Berichtigung. The Economist war vom Nominalwert ausgegangen. Eigentlich betrug der Wachstum 43%.

Das Pro-Kopf-Einkommen war eigentlich nur in 5 Jahren, von 2003 auf 2008  um diesen Prozentsatz gewachsen. 2008 war Ende. Der Stillstand dauert immer noch an und durch den Wertverlust der türkischen Lira bedingt, ist das Pro-Kopf-Einkommen (rechnerisch) derzeit sogar um 8.000 USD angekommen.

Wenn man von den Weltbankwerten ab 1960 ausgeht, wächst das Pro-Kopf-Einkommen der Türken in Zehnjahreszyklen immer jeweils um 45%, egal wer regiert. Das hat sich auch zu Zeiten eines Herrn Erdogan nicht verändert.

Eigentlich sagt Herr Erdogan nicht die Unwahrheit, wenn er behauptet, das Pro-Kopf-Einkommen sei um das 3fache gestiegen. Nur verschweigt er dezent, dass der Teufel im Detail steckt. Er nennt das bedeutungslose nominale Wachstum und nicht das reelle.

Die nominalen Zahlen sind in diesem Fall für die Ökonomen von (fast) völliger Bedeutungslosigkeit. Ja, eigentlich für alle, nur für die Politiker nicht. Das Nominale verkauft sich nämlich für die Politiker leichter.

Tante Jutta aus Kalkutta, oder Fatma Teyze aus der Türkei sind wie die Ökonomen drauf. Sie schauen nicht, was für ein Wert auf den Geldschein gedruckt ist, sondern vielmehr interessieren sie sich dafür, was sie mit diesem Geldschein alles kaufen können.

Fatma Teyze konnte z.B. 2003 mit den 3.500 USD mehr einkaufen als mit den 10.000 USD von heute.

Rechnet man das reelle Pro-Kopf-Einkommen aus, muss man die Inflation ebenfalls mit in die Rechnung einfließen lassen.

Wenn also das Oberhaupt sagt, dass das Pro-Kopf-Einkommen der Türkei sich in den letzten Jahren verdreifacht hat, dann wisst ihr, er meint eigentlich 46%.

Überhaupt ist es falsch, wenn ein Land sich ständig an den eigenen Zahlen misst. Was bringt es,  wenn ich  als 1.500 m Läufer in der Weltrangliste an 50. Stelle stehe und mich die ganze Zeit an dem orientiere, der auf Rang 45 steht und währenddessen die Weltspitze davon zieht.

Im Fall der Türkei muss man sich immer mit den Ländern vergleichen, die weit vor der Türkei sind. „Seit 2016 liegen wir in diesem und jenem vor Griechenland!“ ist eine nichtssagende Aussage.

Wenn Ihr wissen wollt, wo die Türkei steht, müsst ihr als Vergleich Länder nehmen, die im Pro-Kopf-Einkommen der Türkei irgendwann mal ähnelten.

Gemerkt hatte ich mir die fünf aus einer Erfassung von Prof. Sirin aus New York.

BrasilienGriechenlandSüd-Korea und Spanien hatten in den 60er Jahren, laut Weltbankzahlen, fast das identische Pro-Kopf-Einkommen wie die Türkei. Also der Vergleich steht und hinkt nicht.

1960 war die Türkei mit kleinem Abstand hinter Griechenland an zweiter Stelle. Nur ab 1970 fängt Griechenland an den Vorsprung zu vergrößern. Noch schlimmer ist, dass Spanien von hinten kommend die Türkei überholt. Gut, in den 80er Jahren kann die EU dazu beigetragen haben, dass Spanien die Türkei überholte, nur, Süd-Korea macht sich in den 80ern zu neuen wirtschaftlichen Ufern auf und überholt die Türkei ebenfalls. Brasilien mit 200 Millionen Einwohnern kommt, unter diesen 5 Ländern vom letzten Platz und überholt die Türkei, die in 1960 mit Griechenland an der Spitze war ebenfalls. 2012 ist die Türkei unter diesen fünf Ländern letzter.

Wenn Ihr jetzt fragt, wo die Türkei im weltweiten Rennen steht, dann kann ich euch das schnell sagen. In dem Umfang, wie die Weltwirtschaft durchschnittlich gewachsen ist, ist auch die Türkei gewachsen. Mit dem steigenden Wasser für alle, stieg auch auf die Türkei auf.

Schaut man aber auf die Abstände zu den OECD Ländern, so kann man feststellen, dass in den letzten 10 Jahren die Türkei immer weiter zurückfiel.

Wie kann man dagegenwirken?

Zuerst einmal aufhören daran zu glauben, dass man mit Parolen weiterkommen kann. Danach sollten harte und aussagefähige Zahlen eine Rolle spielen, damit man erwachsen wird und nicht mehr an Märchen glaubt.

Bald wird nach den Wahlen ein Monat um sein und was ist in dieser Zeit in Zusammenhang mit der Wirtschaft an Impulsen geliefert worden. Keine!

Bei einem könnt Ihr mich beim Wort nehmen, dass die ganzen Straßen, Brücken, Tunnels und Flughäfen die Türkei nicht weiterbringen werden. Damit kann man Wählerstimmen gewinnen, aber nicht die Wirtschaft hoch puschen.

Die Wirtschaft benötigt helle Köpfe. Die wenigen, die es gibt, verlassen derzeit die Türkei in Scharen. Das wäre ja noch zu verschmerzen, wenn noch was nachrücken würde. Wird es nicht. Dass religiöse Schulen der Türkei z.B. Naturwissenschaftler hervorgebracht haben, das ist noch nie vorgekommen. Staatspräsidenten bringen sie hervor.

Innovation setzt Freiheit voraus. Die Türkei ist nicht frei und voll vom Ausland abhängig. Die Menschen in der Türkei sind nicht frei, denn ihre Meinung dürfen sie nicht frei sagen. Die Zensur ist überall. Die Information im Internet ist in vielen Fällen nicht zugänglich. Über 100.000 Seiten geblockt, inkl. Wikipedia. Die Menschen sitzen ein. Manchmal ohne Grund, auch dass man gegen Herrn Erdogan ist sollte keinen Grund darstellen. Wer immer noch glaubt, dass die Türkei unter diesen Umständen weiterkommen könnte, der ist nicht von dieser Welt.

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