Demokratie auf Türkisch: Ein-Mann-Regime

“Ach hören Sie doch auf, Herr Dener, mit diesem Gelaber und Gequatsche um Erdogan, bitte! Er wurde schließlich von Türken gewählt, und Sie müssen es auch akzeptieren. Weil das so ist in Demokratien. Bekommen Sie Geld dafür, wenn Sie Erdogan kritisieren, oder wie soll ich das verstehen?” Es ist langsam gut mit dem Hype um den türkischen Präsidenten. Verschwenden Sie keine Zeit mit ihm und machen Sie sich keine Sorgen um die Türkei. Wir haben genug Probleme in Deutschland, machen Sie bitte etwas Nützliches.”

Die gut gemeinten Ratschläge beinhalten immer den Verweis, dass die Demokratie in der Türkei gesiegt hätte. Meinten diese Menschen die Diktatur und verwechselten das Wort?

Am Wahlabend hatte die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu die Stelle der Wahlkommission eingenommen und führte Regie. Noch bevor die Zählung abgeschlossen war, erklärte Erdogan sich zum Sieger und hielt so etwas wie eine Balkonrede. Die Spannung stieg, zumal man von seinem größten Kontrahenten wusste, er würde das nicht auf sich beruhen lassen. Pustekuchen! Muharrem Ince war nirgendwo, und schon ging die Gerüchteküche los. Verhaftet, festgesetzt, bedroht… Wie im Wahlkampf agierte im Fernsehen nur die eine Seite und wo war die andere?

Dann passierte etwas ganz Außergewöhnliches, die Fernsehsender Fox und Halk TV, die einzigen unabhängigen Kanäle, brachen mittendrin ihre Wahlsendungen ab. Warum? In der Phase höchster Einschaltquoten? Auf einmal schrieb Herr Ince per SMS an einen Journalisten: “Auch wenn es kein fairer Wahlkampf war, erkenne ich den Sieg von Herrn Erdogan an.” Der stärkste Kontrahent per SMS unterwegs? Wollte er ein Blutvergießen auf den Straßen verhindern, zumal die Erdogan-Fans mit Schusswaffen unterwegs waren und in die Luft feuerten?

Am nächsten Tag dass der Spruch aus seinem Munde: “Unsere Zahlen stimmen mit denen der Wahlkommission überein.” Dabei hatte die Wahlkommission keine Zahlen genannt, sondern nur gesagt, dass Herr Erdogan die nötige absolute Mehrheit hätte. Eine Posse für sich. Außerdem hatte Ince auch keine eigene Zahlen zur Hand. Wie konnten Zahlen, die auf beiden Seiten nicht existierten, miteinander übereinstimmen?

Ach ja, die Mitglieder der Wahlkommission haben noch am Wahlabend ihren Rücktritt erklärt. So ist das eben, die Diktatoren verlieren keine Wahlen und in Rente gehen sie auch nie.

Meine Kolumne ‘Einmal HINGESCHAUT’ aus dem TAGESSPIEGEL von heute.

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