Auch Häuser leben und sterben

Ich habe meine Wurzeln heute Nacht verlassen. In den Haus lebte ich seit ich drei Monate alt war. In diesem Haus war gelebte deutsch-türkische Freundschaft.

Meine Zieheltern der Kriegsgeneration und meine Großfamilie haben entweder hier gelebt oder waren ständig anwesend.

Anwesend in aller Form!

In diesem Haus wurden Beziehungen und Freundschaften ausgelebt.  Hier flossen die Kulturen ineinander über.

Die Menschen, die mir ganz besonders am Herz lagen, sind verstorben.
Andere weggezogen. Teilweise so aus dem Leben entrissen, dass der Schock immer noch tief sitzt in mir.
Was uns auf ewig verbinden wird, ist das Haus.

Und ich?
Ich denke gerade über meine letzte Zeit hier nach!

Als es meiner nicht leiblichen, aber doch Mama, gesundheitlich bergab ging,  gab sie mir den Auftrag: “Pass auf das Haus auf!”

Ich war ihr Augenlicht und ihr Gehör. Und später ihre Orientierung und Sicherheit.
Als es schlimmer mit ihr wurde, fragte sie mehrfach am Tag nach, ob ich denn zu Hause sei?

Unserer beider Wohnungstüren waren immer weit geöffnet, damit sie rufen und ich sie hören konnte.
Wenn sie das Fernsehprogramm beim zappen durcheinander gebracht hatte und ich es wieder in Ordnung brachte.
Kaum sah sie Hitler in irgendwelchen Dokumentationen, drehte sie durch!
„Den will ich nicht sehen, mache ihn weg!!“ rief sie dann.
Die Erinnerungen kamen wohl hoch.
Sie wollte auf der guten Seite sein, zu viel Leid und Schrecken wollte sie nicht in ihr Leben lassen, nicht mehr.

Anstrengend wurde es, als nach ihrem Schlaganfall ihre Erinnerungen sich verschoben hatten. Ihre Pflegerin war oftmals überfordert. Manchmal musste ich eingreifen und dafür sorgen, dass sie würdevoll behandelt wurde.

“Ich habe Hunger und Hausaufgaben habe ich auch ganz viele“ sagte ich gelegentlich und half allen sich wieder gedanklich an die guten Zeiten von früher zu versetzen.

Das wirkte und mir tat es auch gut.

Nach ihrem Tod wurde das Haus verkauft. Hier kann ich auf nichts und niemanden mehr aufpassen.

Die neuen Besitzer taten sich sehr schwer mir ihre Pläne zu unterbreiten. Es tat ihnen an der Seele weh.
Sie arbeiteten ganz leise um mich herum.

Zwei Jahre gaben sie mir Zeit in diesem Haus mit allen leerstehenden Wohnungen zu verweilen.

Endlich schaffe ich mich darüber zu äußern.
Ich habe in diesem großen Haus zwei lange Jahre alleine gelebt.
Und ich weiß, wie viele Sorgen sich meine Familie und meine Freunde gemacht haben, es könnte jemand ins Haus eindringen und es könnte schlimm enden mit mir.

Nein, ich hatte keine Angst, wohl hätte ich jedem Einbrecher die Frage gestellt, was er denn hier zu finden glaubte?

Nun werde ich im Keller irgendwo mich verewigen.

„Serpil was here!“ …und wie ich hier war. Mein Leben steckt in diesem Haus.

Mögen alle in Frieden ruhen, die in diesem Haus ihr Heim und ihr Frieden auf Erden fanden.

Danke Serpil, dass du deine eindringlichen Eindrücke um das Haus, mit uns geteilt hast. 

Jetzt kann man gespannt sein, wem alles das Haus Leben einhauchen wird, oder umgekehrt.

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