Türkei: Eins, zwei, drei und los geht es!

Der Amtseid ist geleistet und die neue Zeitrechnung der Türkei fing gestern an. Der Text zum Eid war etwas realitätsfern, nur gestört haben sich die wenigsten daran. Er schwöre, dem Rechtsstaat gegenüber loyal zu bleiben. Rechtsstaat? Den gibt es schon lange nicht mehr. Er werde die demokratische und säkulare Republik schützen und sein Amt unparteiisch ausüben. Na ja, säkular, demokratisch und unparteiisch sind alles Wörter, die in der heutigen Türkei unter ihm kaum mehr eine Chance haben, ohne eine gehörige Dosis Ironie und Sarkasmus benutzt zu werden.

Die Steigerung vom Ganzen kam zuletzt: Er werde nicht abweichen von dem Ideal, wonach jedermann im Lande grundlegende Freiheiten und Menschenrechte genieße. Deshalb schreibe ich aus dem Ausland. 🙂

Ich denke an dieser Stelle könnte man eine Schweigeminute einlegen.

Während er seinen Eid sprach und die Abgeordneten seiner Partei frenetisch jubelten (sie freuten sich sicher auf die fünf Jahre Nichtstun), standen die MHP Abgeordneten, zumindest zu Hälfte zwar auf, aber waren still. CHP, HDP und die IYI Partei Abgeordneten saßen während des Eids, erst als die Nationalhymne losging, standen sie auf.

Was diese Aktion den Nichtsnutzen der Opposition einbringen wird, werden wir sehen.

Der geliebte Schwiegersohn ist zum Finanzminister ernannt worden. Minister der Finanzen und des Schatzamtes, heißt es offiziell. Somit gehört die Kasse auch offiziell Familie Erdogan. Die Ernennung des Schwiegersohnes hatte zur Folge, dass die Devisenkurse, sofort nach der Bekanntgabe, in die Höhe schossen.

Mevlüt Cavusoglu, der Spezi und ex-Kollege vom ex-Außenminister Gabriel ist in seinem Amt bestätigt worden.

Der Tourismusminister ist einer der Größen der Branche. Muss nicht schlecht sein, wenn einer, der die Sorgen der Branche kennt am Ruder sitzt. Da eine Kopftuchträgerin Pflicht ist, wurde die völlig unbekannte Zehra Zümrüt Selcuk zur Familienministerin ernannt. Ihr Vater Atilla Koc war mal Tourismusminister im Kabinett Erdogan und in allen Gedächtnissen, mit seinen Schlafattacken im Parlament. Dem Generalstabschef der Armee wurde wegen seiner Loyalität das Verteidigungsministerium zuteil.

Im Kabinett haben alle einen einzigen gemeinsamen Nenner. Bis heute hat nicht einer von ihnen etwas Negatives über Herrn Erdogan losgelassen. Das zeigt aber auch eindeutig die Marschrichtung. Nur einer entscheidet und alle haben ihm Folge zu leisten.

In der Türkei sind an die 7.000 Unternehmen mit deutschem Kapital registriert. Schätzungsweise 1.500 – 2.000 dürften auch aktiv Geschäften nachgehen.

Die Ernennung vom unberechenbarem Schwiegersohn an die Spitze der Wirtschaft wird bei den Investoren nicht viel Vertrauen einlösen, kann aber auch Gute Seiten haben. Denn er ist selber Unternehmer und könnte entsprechend zum Wohle der Unternehmer agieren.

Dafür hat er allerdings kaum viel Zeit. Entweder kommt er mit tollen Ideen sofort um die Ecke, oder er wird sich in einer ausweglosen Lage wiederfinden.

Was die Türkei jetzt braucht ist Stabilität und klare Verhältnisse. In der Wirtschaft, aber auch an allen Fronten.

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