Mit einem Arm gegen das Ein-Mann-Regime

In der Türkei ist die Justitia parteiisch

Veli war das Kind einer armen Familie. Er wuchs in den Slums von Ankara auf. Die Berufsschule schloss er ab, aber mehr war nicht drin. Er musste nämlich arbeiten. Das tat er in Ankara, in einem der Industriegebiete. Während er arbeitet, versuchte er Mitglieder für eine Gewerkschaft zu gewinnen. Das durfte nicht sein. Wie sagte Erdogan bei einer Rede vor den Arbeitgebern zuletzt: „Damit ihr (die Arbeitgeber) ungestört produzieren könnt, lassen wir die Aktivitäten der Gewerkschaften im Keim ersticken.“

Veli wurde verhaftet und musste wegen der Zugehörigkeit zu einer terroristischen Organisation, damit war wahrscheinlich die Gewerkschaft gemeint, 3 Monate einsitzen.

Das nächste Mal wurde er am 8. März, beim Verteilen von Flyern erwischt, am Weltfrauentag. Die Überschrift auf dem Flyer war: „Werdet nicht Sklaven von Männern und des Staates!“

Schlimm nicht wahr?

Mit dem vorangegangenen terroristischen Akt zusammen bekam er 3 Jahre und 9 Monate Haft. Er saß die Strafe in Burdur ein. Im Gefängnis fingen die ebenfalls wegen Terrorismus einsitzenden Häftlinge einen Hungerstreik an. Er machte nicht nur mit, war auch der Mitinitiator, den gegen so viel Ungerechtigkeit musste er was tun.

Der Staat entschied und startete die Aktion „Zurück zum Leben“. Die Häftlinge sollten ihren Hungerstreik brechen und ins Leben zurückkehren.

Der türkische Staat hat Mittel und Wege um so etwas in die Tat umzusetzen. Mit Pfeffergas fing man an. Im Gefängnis brach Feuer aus. Mit schwerem Baugerät rückten die Sicherheitskräfte vor. Ein Mauer brach auf Veli ein. Er bekam schwer Luft. Ein Bulldozer hatte sein Arm mitgerissen. Als er ohnmächtig gefunden wurde, hatte er viel Blut verloren, aber er lebte. Sein Arm fand man im Maul eines Hundes. Eine Kühlbox gab es im Krankenwagen nicht, so tat man den Arm in eine Einkaufstüte. Burdur, Isparta… Der Krankenwagen fuhr ein Krankenhaus nach dem anderen ab, aber die mikrochirurgische Abteilung gab es nur in der Uni-Klinik von Antalya. Sein abgerissener Arm war unbrauchbar geworden.

Damit er als lebende Leiche nicht weglaufen konnte, hatte man ihn an seinem gesunden Arm mit Handschellen ans Bett gefesselt. Sicher ist sicher!

Trotz einer schweren Operation wurde er nach einer Woche vom Krankenhaus entlassen und wieder ins Gefängnis in Burdur gebracht. Nur, nach einem Tag brach er zusammen und wurde abermals ins Krankenhaus geschafft. Nach 28 Tagen war er wieder „wie neu“, bescheinigte man ihm, trotz des fehlenden Armes. Er wurde wieder ins Gefängnis gebracht. Er saß noch zwei Jahre und sechs Monate ein und wurde dann entlassen.

Übrigens kam er raus, weil seinem Einspruch, dass er kein Terrorist war, stattgegeben wurde. Mit falscher Beschuldigung verhaftet, verurteilt, einen Arm und seine Gesundheit verloren, stand er jetzt da. Der Staat sagte „Pardon“.

Er verklagte den Staat auf 150.000 TL Schadensersatz (unter 30.000 EUR). In dieser Zeit schloss er die Fernuniversität mit Bestnote ab und wurde Beamter im Einwohnermeldeamt. Nach mehreren Verhandlungstagen und 5 Jahren wurde ihm Recht zugesprochen. Er sollte die 150.000 TL erhalten.

Nur auf höchster Instanz entschied man gegen ihn. Es sollte alles neu aufgerollt werden. Am Ende sagten die vielen Gutachten, dass der Sanitäter, der Bulldozerfahrer, der Staat, die Gefängniswärter u.v.a. unschuldig waren. Der Staat brauchte nichts bezahlen, ganz im Gegenteil. Die Gegenrechnung besagte, dass Veli dem Staat 500.000 TL schuldete. Einen Arm verloren und dann noch eine Geldstrafe? Er klagte wieder. „Sie geben mir mein Arm zurück und ich gebe ihnen das Geld“ soll er vor Gericht gesagt haben.

Mehrere Gerichtstermine führten zu dem Ergebnis, dass man befand, dass der Betrag, den man von ihm verlangte, nicht richtig war. Mit Zinsen verlangte man von ihm nunmehr 725.000 TL.

Was sollte er machen? Er ging vor das Europäische Gerichtshof für Menschenrechte. Während die Angelegenheit verhandelt wurde, verpfändete der Staat alles, was er besaß. Selbst als er Recht bekam, so behielt der Staat ihn in dem schwarzem Buch weiter notiert und verlor ihn nicht aus den Augen.

Veli, der sein Leben lang verfolgt wurde, weil er linken Gruppierungen zugeordnet wurde, sollte jetzt auf einmal ein Gülenist sein. Also feuerte man ihn und nahm ihm den Beamtenstatus weg.

Als er dagegen protestierte, versuchte man ihm seinen linken Arm zu brechen, schlug ihn zusammen. Er gehörte zu der Gruppe der Entlassenen, wie Nuriye und Semih, die Monate lang in Hungerstreik waren und nachher deshalb verhaftet wurden. Um für die beiden zu demonstrieren ging er an die Stelle in Ankara, wo die beiden Wochen verbracht hatten. Die Sicherheitskräfte schossen auf ihn mit Plastikgeschossen aus nächster Nähe. Sein Foto im Social Media war so schlimm, dass jeder der das Bild teilte, vom Facebook gesperrt wurde. Wie durch ein Wunder überlebte er. Als er von den Kugeln durchlöchert wurde, war auch seine Mutter dabei, die von der Polizei am Boden geschleift und weggebracht wurde, wie vor 17 Jahren bei der Aktion, als man ihrem Veli den Arm abriss.

Der einzige Unterschied zu damals war, dass sie damals einen Rock trug. Durch die Polizei am Boden geschleift, stand sie fast nackt da. Seit dem Tag würde sie nur noch Hosen anziehen, berichtete sie.

Kommen wir wieder zu Veli. Er ist ein Kandidat der HDP und hat den Listenplatz 1. Das verdient er auch, denke ich. Ich finde, Veli steht über allen Parteien und verdient es wie kein zweiter, gewählt zu werden.

Gegen das Ein-Mann-Regime: Veli, der Mann mit einem Arm.

 

In Anlehnung an eine Kolumne von Yilmaz Özdil.

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