Wer kennt noch Ömür – Restaurant?

In meiner Kindheit spielte das Ömür Restaurant auf der europäischen Seite von Istanbul, auf der E5 Richtung Flughafen in Bahçelievler, rechst an der Schnellstraße gelegen, eine große Rolle.

Früher waren die Flüge zwischen Deutschland und der Türkei noch teuer und es gab keine Billigflieger wie jetzt. Nach Istanbul, in meine Geburtsstadt, flogen wir nur zu den großen Schulferien im Sommer.

Ich kann mich erinnern, dass das Reisebüro, wo wir unser Turkish Airlines Tickets kauften uns anwies, vier Stunden vor dem Abflug am Flughafen zu sein. Damals als Kind konnte ich noch nicht verstehen, warum man so früh da sein musste. Erst später, als ich im Erwachsenenalter die Türken besser kennengelernt habe, wusste ich, warum das so sein musste.

Die Unpünktlichkeit ist eine türkische Tugend. Dann kam noch dazu, dass derTicketverkäufer dich anschaute und sofort taxierte, wie viel Grips du haben könntest um ihn zu verstehen. Da machte man sich einfacher und nahm einen Mittelwert von vier Stunden an. Wer versuchte vier Stunden vor dem Abflug am Flughafen zu sein, der würde gerade mal die Maschine pünktlich erreichen, dachte man.

Die vier Stunden waren sogar, wenn man in der Türkei war, zu knapp bemessen. Die meisten kamen mit Bussen aus Anatolien nach Istanbul. Da waren Verspätungen an der Tagesordnung.

Da fällt mir eine Geschichte aus Indien ein. Der Engländer rennt wie verrückt um seinen Zug zu bekommen. Ein Inder stoppt ihn kurz vor dem Bahnhof und fragt, warum er denn laufen würde. „Ich muss meinen Zug erreichen“. Der Inder: „Lieber Freund, sie müssen nicht laufen, die Züge haben in Indien grundsätzlich Verspätung.“ „Ja aber schauen Sie, da kommt mein Zug schon.“ Der Inder dreht sich um und sieht den Zug in den Bahnhof einfahren. „Ach diesen Zug meinen Sie, dass ist der von gestern.“

Ich möchte euch erzählen, wie der Rückflugtag für uns immer ablief. Wir wohnten auf der asiatischen Seite von Istanbul, im Stadtteil Suadiye. Dort hatten unsere Großeltern ihr Sommerhaus, die sie aus Ankara kommend, nur 2 Monate im Jahr bewohnten. Eigentlich nur deshalb, weil wir da waren.

Mit so einem Chevrolet wurden wir zum Flughafen gefahren.

Wenn unser Flug auf 19 Uhr Abflug terminiert war, ja selbst dann, stellten meine Eltern den Wecker auf 7:30 Uhr, damit man zeitig fertig wurde. Die Koffer waren gepackt, ein letztes gemeinsames Frühstück mit den Großeltern und wir waren reisefertig. Die Aufregung stieg für uns Kinder, den wir wurden immer von Mardik Bey, dem Mieter von meinen Großeltern, der Taxifahrer war und einen riesigen Chevrolet Bel Air Baujahr 1964 besaß, zum Flughafen gefahren. 10:30 Uhr stieg bei den Beteiligten die Nervosität, denn es waren lediglich 8,5 Stunden bis zum Flug. Ich weiß, klingt komisch, aber nicht ohne Grund mussten wir uns beeilen. Doch zuvor das Ritual zwischen Mardik Bey und unserem Großvater. Same procedure as every year! „Mardik Bey, das nimmst du mal schön, es kommt nicht in Frage, dass du sie umsonst zum Flughafen fährst.“ Der Kampf ging immer gleich aus. Unser Großvater gewann.

Mardik Bey, der seines Zeichens armenischer Herkunft war, bewohnte die Wohnung im Garten des Hauses für eine Minimiete. Wie Mini die Miete war, kann ich folgendermaßen erklären. Statt 800 (Währung spielt keine Rolle) zahlte er 50 im Monat. Er erzählte auch, dass er niemandem sagen würde, für wie wenig Geld er das Haus bewohnte. Es war ihm zu peinlich. Für unseren Großvater machte die niedrige Miete aber Sinn, denn Mardik Bey war auch für den Garten zuständig. Natürlich stellt ihr euch jetzt einen gepflegten Garten mit Blumen und Bäumen vor, mit einem tollen, grünen Rasen. Weit verfehlt! Nach vorne zur Bagdat Straße hin standen 3 Bäume und hinten noch ca. 8-10, die keinerlei Pflege bedürften. Statt den Rasen gab es gute türkische, brüchige Erde. Hellbraun. Zu Schauzwecken wurden die Bäume, in den genannten zwei Monaten Aufenthalt meiner Großeltern mit einem Schlauch bewässert.

Im Leben von Mardik Bey, die eine Tochter hatte, mit mir gleichalt, sollte sich noch etwas Tolles ereignen. Während er täglich sein Taxi fuhr, bekam er einen Besuch von einem Rechtsanwalt. Ein Verwandter von ihm war verstorben. Die Familie wusste von der Existenz des Verwandten nichts, aber die Erbschaft, die jetzt im Raum stand, nahmen sie gerne an. Es war ein 5 Etagen Haus in der besten Lage von Istanbul, nämlich auf der Bagdat Straße, wo er schon wohnte. Das Haus war 20 Meter schräg gegenüber vom Haus meines Großvaters. Was die Wohnungen damals Wert waren weiß ich nicht, aber heute ist das Haus locker 15 Mio. Euro wert.

Wieder vom Thema abgekommen. Also fuhren wir los. Zuerst ging es zum Stadtteil Harem, am Bosporus gelegen. Dort ist die Anlegestelle der Fähre, die uns zu Zeiten fehlender Bosporus-Brücken auf die europäische Seite fahren sollte.

Die Fähre war der Grund für unsere frühe Abfahrt. Einmal kamen wir in 20 Minuten drauf, aber es gab auch Tage, wo man 3 bis 5 Stunden in der Autoschlange wartete. Die Überfahrt dauerte ca. 20 Minuten. In Sirkeci angekommen fuhr man auf die Londra Asfaltı, Richtung Flughafen. Londra Asfaltı, also London-Schnellstraße, machte eigentlich Sinn, denn wenn man die Strecke geradeaus weiterfuhr, kam man nach 2-3 Tagen in London an. Bitte nicht korrigieren, ich weiß, dass da noch Wasser dazwischen ist.

Eigentlich hätten wir von der Anlagestelle Sirkeci aus die Uferstraße zum Flughafen nehmen können, aber Ömür Restaurant, war halt auf der anderen Route.

Viele ‚Gastarbeiter‘ aber auch Ur-Istanbuler liebten Ömür Restaurant als Rastplatz. Zumeist passierte es, dass die Wartezeit der Fähre kürzer ausfiel als erdacht, also war genug Zeit für einen Besuch des Ömür Restaurants. Vor der Tür sah man auch sehr viele deutsche Kennzeichen, dass man feststellen konnte, dass der Ömür Restaurant auch für Autotouristen ein beliebter Zwischenhalt war.

Manchmal mussten wir dort 1-6 Stunden totschlagen, hieß, bauchwollschlagen. Eine Speisekarte war nicht nötig, denn seit Menschengedenken, war die Karte immer gleich. Die letzten türkischen Lira, die wir dabei hatten, ließen wir immer dort. Auch Mardik Bey aß mit uns. Nach dem Essen versuchte er immer alles zu bezahlen, um dort wenigstens das Geld, was er von unserem Großvater nicht annehmen wollte, loszuwerden. Funktionierte nicht.

So waren wir alle Jahre wieder dort essen. Eigentlich freuten wir uns so, wie sich Kinder heute auf ein McDonalds-Restaurant Besuch freuen. Ömür Restaurant hatte was und spielt im Leben vieler Gastarbeiter und Istanbuler eine Rolle.

Mit dem Bauboom musste auch unser Ömür Restoran, wie es im türkischen geschrieben wird, ebenfalls Platz machen. Dort steht jetzt ein Ömür-Plaza & Einkaufszentrum. Das Restaurant gibt es immer noch. Es hat nicht mehr das Flair früherer Zeiten, aber man gibt sich Mühe, um als Traditionsmarke dem Namen gerecht zu werden.

Fikret Yüzatlı, der Gründereigentümer von Ömür Restoran ist auch der, der dem Stadtteil, wo das Restaurant steht den Namen gab. In den 1940ern Jahren kaufte er viel Land in der Gegend und wollte dort viele Häuser (Evler) mit Gärten (Bahçeli) bauen, was er auch tat. Seitdem heißt die Ortschaft Bahçelievler, also Häuser mit Gärten.

Ömür = Das Leben, der Lebtag

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