Ein Hardcore-AKP-Mann erzählt

Mein Freund Hasan aus der Türkei meldete sich bei mir. Er sagte mit zittriger Stimme „Abi, das musst Du dir anhören, ich kann das nicht alleine verkraften“.

Ich meldete mich über Skype bei ihm. Tatsächlich er war ziemlich fertig, wie ich es herausgehört hatte. Er stellte mir seinen Freund vor, der mir seine Geschichte selbst erzählen sollte. Der Mann sah aus wie 65 und doch war er nur 46 Jahre alt. Ein gebrochener Mann erzählte emotionslos und versteinert, mit ruhiger Stimme, was mit ihm passiert war.

Damit ich alles richtig zuordnen konnte, ergänzte Hasan noch, dass sein Freund bis vor 14 Monaten ein Hardcore-AKP Mann war. Er liebte Erdogan über alles und war, so gut es ging, bei jeder Veranstaltung von ihm dabei.

Doch dann passierte das für einen AKP-Mann unmögliche, unerwartete. 14 Monate saß er ein. Was warf man ihm vor? Er wäre ein Gülenist, so einer, wie der Erdogan es noch bis vor kurzem selber war.  Wie stellte man fest, dass er ein Gülenist war? Die Tochter ging auf eine Schule, die als Gülenisten-Schule ausgemacht war. Beweismittel: Überweisungsbeleg des Schulgeldes.

Nach 14 Monaten kam er raus, ein Wrack von einem Mann. Was in der Zwischenzeit passierte? In seinem Dorf wurde er geächtet, mit ihm seine Angehörigen. Der Vater bekam einen Herzinfarkt und lag Monate lang im Krankenhaus in Izmir. Die Mutter saß die ganze Zeit am Krankenbett. Seine Frau verließ mit den Kindern zuerst das Dorf, Richtung Bergama und dann ihn. Die Scheidungspapiere wurden ins Gefängnis geschickt. Sie musste sich scheiden lassen, denn der bis dahin geliebte Ehemann, war ein „Vatan haini“, ein Landesverräter, vielleicht glaubte sie das auch. Ein weiterer Tritt in den Rücken, obwohl er schon am Boden lag.

Die Hölle gab es für ihn gleich mehrmals. Im Gefängnis ist er alle Tage wieder ans Bett gefesselt und vergewaltigt worden. Er war ja ein Landesverräter und Gülenist, mit ihm durfte man das machen.

Letzten Freitag kam er urplötzlich frei. Einfach so. So wie er hineinkam, kam er einfach so frei.  Und nun? Gibt es für ihn überhaupt eine Lebensberechtigung in der Türkei? Frau und Kinder weg, das Auto vor der Haustür voller Dellen und zerstörten Scheiben, der Traktor mit aufgeschlitzten Reifen und demoliertem Motor, das Haus niedergerissen, nur die Grundmauern standen und die Mauer ums Haus war gänzlich plattgemacht worden. Das, was an Mauer stand, trug die Schriften „Vatan Haini“ und „FETÖ’cü“. Dann noch seine Lebensgrundlage, einfach verschwunden. Seine Pinienbäume, von denen er lebte, waren abgeholzt.

Wenn ich jetzt sagen würde, dass Hasan und ich nur feuchte Augen hatten, wäre das eine Verniedlichung der Situation. Der Mann konnte nicht mehr weitererzählen. Er brach nieder.  Hasan hatte sich vor ihm hingekniet, ich starrte fassungslos auf den Monitor auf Skype. In der endlosen Stille der gestorbenen Menschlichkeit, weinten wir wie Schlosshunde.

Die verlogenen Dorfbewohner versuchten Ihr Gewissen rein zu waschen, indem Sie lächerliche Spenden eintrieben, wobei kein Geld der Welt, all das Leid relativieren konnte.  Ein seelischer Trümmerhaufen, wie auch sein Besitztum, alles zertrümmert und zerstört.

Der Ex-AKP Mann hat sich geschworen, auch wenn er in diesem Leben nicht mehr wieder auf die Beine finden würde, so würde er doch den Erdogan bekämpfen wo er nur kann.

Mit etwas Abstand muss ich hier etwas ergänzen. Mein Freund Andreas B. stellte treffend fest: “Er hat ihn doch gewählt. Jahrelang, die Augen und Ohren zugemacht. Sein Unglück ist vielen anderen vorher passiert. Und vielleicht hat er zuvor die Pinienbäume seines Nachbarn abgeholzt, weil der gegen Erdogan war.”

Wie wahr! Wenn man emotional geladen ist, sieht man manchmal vor lauter Bäume den Wald nicht mehr.

“Gerechtigkeit ist die feste Absicht, jedem zu geben, was ihm von Rechts wegen zukommt; Ungerechtigkeit hingegen ist es, jemandem im Namen des Rechts etwas wegzunehmen, was ihm bei richtiger Auslegung des Rechts zustünde.”
Baruch de Spinoza (1632 – 1677

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