Eine Geschichte aus der Türkei von heute

Ich glaube ich war 8 oder 9 Jahre alt. Wir lebten in einem kleinen Dorf in Mittelanatolien und mein Vater stellte Brauselimonade her. Einmal versammelten sich fast alle Dorfbewohner vor dem Café, vor dessen Türe ich jeden Tag eine Kiste Brauselimonade stellte. Der Eigentümer war ein netter Herr, der immer schöne Geschichten erzählte. Er war sehr beliebt im Dorf und wir Kinder nannten ihn „Onkel“. Es stellte sich heraus, dass „Onkel“ sich an einem seiner Laufburschen, Vollwaise und etwa genauso alt wie ich, sexuell vergangen hat – und das schon über einen Zeitraum von zwei Jahren.

Damals konnte ich die Dimension dessen noch nicht begreifen – ich war zu klein. Aber ich konnte aus der aufgebrachten Menge so viel verstehen:  Alle im Dorf wussten bereits davon. So groß war die Menschenmenge vor dem Café.

Während der Café-Besitzer in Handschellen in das Polizeiauto einstieg, nahm Ismail, einer der älteren Jugendlichen, zu dem ich damals aufblickte, einen großen Stein und warf damit nach „Onkel.
Der Mann wich gerade noch aus und die Wucht des Steins, der die Regenrinne des Cafés traf, verbog diese regelrecht. Der Anblick der verbogenen Regenrinne sollte mich mein Leben lang begleiten. Ganz gleich, wo sich etwas Furchtbares ereignet, immer denke ich an dieses Ereignis und sehe das surreale Bild dieser kaputten Regenrinne vor mir.

Erstaunlicherweise kam der Café-Besitzer bereits nach kurzer Zeit wieder frei und ging, als ob nichts geschehen wäre, seiner Arbeit nach. Die Menschen im Dorf besuchten weiterhin das Café, und sogar Ismail, der Steinewerfer, blieb sein Kunde. Nur den missbrauchten Jungen, den habe ich nie wieder gesehen. Es hieß, er würde in Istanbul bei einem Schneider arbeiten.

Ich kann mich daran erinnern, dass ich den bösen „Onkel“ bestrafen wollte. Und auch wenn die anderen so taten, als sei nichts geschehen, musste ich einfach reagieren und beschloss, ihm keine Brauselimonade mehr auszuliefern.

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Die Zeit verging und ich besuchte die Mittelschule. Die Tage begannen damit, dass mich meine Mutter jeden Morgen mit ihrer hohen, lauten Stimme weckte. Meist war ich sofort hellwach und ging unter der warmen Decke nochmal alle Schulfächer, die mich an diesem Tag erwarten würden, im Kopf durch.

Eines Morgens sah ich meine Mutter am Fenster stehen und nach draußen blicken. Ich glaube sie sagte etwas wie, „Was macht die denn um die Zeit auf der Straße?“. Ich schenkte dem damals keine weitere Bedeutung. Später, gegen Mittag, fand man unter einem Baum außerhalb des Dorfes, die Leiche eines Babys. Obwohl mir so viele Dinge durch den Kopf gingen, sprach ich meine Mutter nie auf dieses Ereignis an.

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Ich wurde erwachsen, studierte Medizin und war jetzt endlich Arzt. Und wie alle Ärzte, musste auch ich meine Pflichtjahre an einem anderen Ort absolvieren. An einem grauen, kalten Tag wartete ich gemeinsam mit anderen Absolventen in einem großen Saal des Gesundheitsministeriums auf unsere regionale Zuordnung. Während viele meiner Freunde in den Osten der Türkei zugewiesen wurden, hatte ich Glück und wurde für ein Dorf, etwas außerhalb Ankaras, vorgesehen, wo ich meine Pflichtjahre in einem kleinen staatl. Gesundheitszentrum arbeitete. Es waren die schönsten und glanzvollsten Jahre meines Lebens. Täglich warteten bis zu 150 Menschen darauf, untersucht zu werden, doch es war die Zeit, in der ich glaubte, alles schaffen zu können.

An einem dieser Tage sprach meine Arzthelferin Mesude zu den wartenden Menschen und fragte sie wie immer, ob noch jemand da sei, der ein Attest benötige. Ein Mann im mittleren Alter, Vater des 7 oder 8 Jahre alten Bektaş, drängte sich mit seinem Sohn nach vorne und rief: „Wir! Wir!“

Mit leerer Stimme erzählte er, dass einer der Verwandten seinen Sohn missbraucht hätte. Der Täter sei zwar gefasst worden, aber die hiesige Gendarmerie, hätten ihn und seinen Sohn zu mir geschickt, damit ich den Tatbestand attestiere.

Ich hatte während der ganzen Untersuchung ein unangenehmes Gefühl. Zum einen das bereits völlig verängstigte Kind und dann noch meine Untersuchung an diesem kleinen, noch unschuldigen Körper, die dem glich, was er auf schlimmste Weise erleben musste. Bektaş trug am linken Unterarm einen Stempel der Justizbehörde, der dazu diente, etwaige Verwechslungen zu vermeiden.

Gerade, als ich Bektaş am Anus untersuchen wollte, drehte er sein Kopf zu mir und schaute mich mit seinen traurigen, ängstlichen Augen an, als ob er sagen wollte: „Du auch noch?“. Sein Blick ging mir durch Mark und Bein, aber ich durfte mir nichts anmerken lassen. Meine Aufgabe war erledigt und die beiden waren gegangen, doch diesen Blick und den roten Stempel der Justizbehörde auf Bektaş‘ Arm, werde ich wohl nie vergessen.

Meine Pflichtjahre … schöne und traurige Erlebnisse, aber auch welche, die mich glücklich stimmten.

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Einmal musste ich den Staatsanwalt in ein weit abgelegenes Dorf begleiten. Ich hatte die Aufgabe, an einer jungen Frau, die sich erhängt hatte, eine Autopsie durchzuführen.

Während der Fahrt erzählte mir der Staatsanwalt die ganze Geschichte. Reyhan, so hieß die Frau, war jung verheiratet. Ihr Mann leistete seinen Wehrdienst ab und Reyhan wurde in dieser Zeit von ihrem eigenen Schwiegervater vergewaltigt. Reyhan wurde schwanger und die junge Frau sah nur einen Ausweg: Sie erhängte sich im Kohlekeller des Hauses.

Als wir am Tatort ankamen, hielt ich für einen Augenblick inne undblickte auf die zierliche Frau wie sie dort im kalten Dunkel hing. An ihren Beinen, die traditionell, weiten Hosen der Landbevölkerung und vor ihr am Boden, der Schemel, den sie mit ihren Füßen weggestoßen haben muss, um ihrem Leben ein Ende zu setzen. Neben dem Schemel, ordentlich in ein sauberes Tuch gewickelt, ein Kleid, ein weißes Leinentuch, eine Seife und einige, wenige Schmuckstücke. Es wirkte, als wollte Reyhan auf eine Reise aufbrechen – an alles hatte sie gedacht! So, als wollte sie den Menschen, die ihren toten Körper ihrem Glauben gemäß, ein letztes Mal waschen sollten, alles so einfach wie möglich machen.

An diesem Abend sollte ich keinen Schlaf finden.

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25 Jahre später, ich lebe in Istanbul und schlage die Zeitung auf.  Es ist der 1. Dezember und ich lese, dass eine Frau namens Ayşe Fidan, nach einem Streit mit ihrem Ehemann, im Badezimmer erhängt aufgefunden worden ist. Sie trug ihren eineinhalb jährigen Sohn auf ihrem Rücken eingewickelt.

Ihre Verwandten hatten ihr immer und immer wieder eingeschärft, dass, wenn jemand in die Familie einheiratet, sie immer Teil dieser Familie bleiben, oder aber den Ehemann und das gemeinsame Haus nur als Leiche verlassen wird. Eigentlich wollte sie diese Regel brechen und suchte auf Grund der zunehmenden Gewalt durch ihren Ehemann, Schutz bei ihrem Vater. Doch auch er hielt ihr die Tür verschlossen. „Das gehöre sich nicht!“.
Mit diesem Satz schickte er seine Tochter zurück zum Ehemann. Ihr Mann und seine Familie sollten Recht behalten:  Ayşe Fidan konnte ihrem Leben und ihrem Ehemann nur als Tote entkommen!

Meine liebe Ayşe Fidan, Du bist gegangen und auch Dein Sohn konnte Dich, an deinem Rücken gebunden, auf deiner weiteren Reise nicht begleiten. Du kannst Dir nicht vorstellen, welche Bräuche es noch in diesem Land gibt. In diesem Land, wo Diebe und Betrüger als angesehene Leute leben können, wo man Verbrechern und die Niederträchtigen die Krone aufsetzt. Ich hoffe, dass Dein Sohn später, wenn er erwachsen wird, nicht auch untergeht – in diesem Dschungel, dem Stadtteil der Hoffnungslosen!

Ja, ich bin seit 25 Jahren Arzt, doch habe ich es nicht geschafft, die Wunden so vieler Mütter, Töchter und Schwestern zu heilen. Ich konnte Ihsan, dem Waisenjungen, nicht beistehen. Ich habe es nicht geschafft, den Stempel vom Arm des kleinen Bektaş weg zu wischen. Ich habe nicht geschafft Reyhan noch ein letztes Mal zuzuhören, bevor sie ihrem Leben ein Ende setzte, bevor sie von uns ging.

Ich weiß nicht, wie viel Zeit vergehen wird, bis sich die Dinge ändern. Ich hoffe, dass die Führer und Entscheidungsträger meines Landes eines Tages aus ihrem Todesschlaf erwachen und hoffe, dass zumindest die Generationen nach uns, in ein Leben voller Hoffnung und Freude blicken können.

Sehr frei nach einem Beitrag von E. Kesal. | Ferry, danke für die Korrektur u.a.

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