Türkei: Geschenktes Geld vom Staat für Kleinunternehmer

In Alanya hatten wir Sommer, eigentlich wie das ganze Jahr über, hätte ich fast gesagt. Tatsächlich hatten wir Juli, mit dem August die schwülste Zeit in Alanya und ich wollte ein Lehrgang von KOSGEB, dem Verband der Klein- und Mittelständischen-Unternehmen besuchen. Das abschließende Zertifikat sollte mich in die Lage versetzen, staatliche Hilfen zu bekommen. 50.000 TL insgesamt. Heute sind das knapp über 10.000 Euro.
Ich hatte nichts vor, aber dachte ich, wenn ich schon immer darüber berichte, sollte ich mal ‚Live‘ sehen, wie so etwas abläuft.
Zu Beginn waren es 70 Personen. Es hatten sich über 1.200 Personen zu den Kursen angemeldet. Die Kurse sollten in Abstand von 3 Wochen angeboten werden, damit alle drankommen. Klar, das Geld lässt man nicht liegen, wenn man es geschenkt bekommt.
Ich gehörte zu der ersten Gruppe der Teilnehmer. Schließlich kannte ich den IHK Präsidenten. Unser Lehrer betrat die Klasse, stellte sich vor und sagte: „Eines muss ich richtigstellen. Bestimmt glauben einige von Euch, dass Ihr nach Abschluss des Lehrgangs das Zertifikat bekommt und unten beim Ausgang Euch dann die 50.000 TL ausgezahlt werden. Dem ist nicht so. Erst müsst Ihr ein Businessplan machen. Wie es geht, werde ich Euch hier zeigen. Dann müsst Ihr den Betrag beantragen. Wenn es genehmigt wird, bekommt Ihr 2.000 TL Gründungshilfe. Danach bekommt Ihr 18.000 TL für Büromöbel etc., aber das Geld müsst Ihr erst ausgegeben haben und auch dann ist dieser Betrag nur 50% von dem was Ihr ausgegeben habt. Hat also die Büroeinrichtung 40.000 TL gekostet, bekommt Ihr nicht 20 sondern 18.000 TL, weil das die Höchstgrenze ist. Frauen bekommen mehr. Die restlichen 30.000 bekommt Ihr auch, wenn Ihr in Maschinen und Anlagen investiert habt. Auch hier ist das die Höchstgrenze für die Hälfte der Investition. Wenn Ihr also 100.000 TL ausgegeben habt, wären 50% zwar 50.000, da aber die Höchstgrenze 30.000 TL sind, bekommt Ihr nur diese.“
Was soll ich sagen, danach waren 57 Personen weg. Wir blieben zu 13 zurück. Tatsächlich dachten die meisten, es gäbe nach 2 Wochen Lehrgang Geld am Ausgang und das in bar.
Der Tag dauerte für mich gefühlt 80 Stunden. Alles das, was ich schon immer machte, bekam ich miserabel erklärt und am Ende gab es auch eine Hausaufgabe. Wir sollten ein erdachtes Projekt erarbeiten und darstellen, wie wir es angehen würden.
Am nächsten Tag dann, stellten wir fest, dass nur ich die Hausaufgaben gemacht hatte. Der Lehrer war überrascht und sagte: „Das ist wie ein Wunder, dass einer die Hausaufgaben machte, sonst machen sie es nicht.“ Ich trug vor. Lustiger und viel verständlicher als der Lehrer. Auf einmal hatten die Teilnehmer wohl alles verstanden und applaudierten. Dieses veranlasste den Lehrer, dass er mich darum bat, mich vorzustellen. Danach übernahm ich die Stunden. „Von Ihnen kann man was lernen Hodscham“, sagte der Lehrer. Hodscha nennt man nicht nur den Geistlichen, eigentlich auch die Lehrer, denen man mit Hochachtung entgegnet. Auch die Polizisten, die mich zwei Mal bei der Ausreise aus der Türkei verhörten, weil mich einige Deutschtürken wegen meiner Blogartikel angeschwärzt hatten, nannten mich Hodscha.
Ich kann halt alles gut in einfachen Worten erklären. Nun gut, das war jetzt eine kleine Werbeeinblendung in eigener Sache. Unser Lehrer aus Ankara trug nur den Teil vor, wo es um Formalitäten ging, der Rest war mein Ding. Da ich alles flüssig durchnahm, waren wir, wie der Lehrer sagte, in der Rekordzeit von 7 Werktagen durch.
Die Zertifikate in der Hand, konnte es losgehen. Neun Teilnehmer_innen hatten was vor und gingen diese Projekte an. Bei sechs von denen habe ich geholfen, die Businesspläne zu machen. Die Anträge wurden aber nicht beschieden. Angeblich waren die Entscheider und Gutachter suspendiert bzw. verhaftet worden. Ja, man zählte sie zu den Gülenisten. Dann aber, war es so weit. Alle sechs wurden positiv beschieden. Das Geld? Seit über einem Jahr wartet man drauf. Die Antragsteller müssten erst einmal durchleuchtet werden, ob sie nicht auch Gülenisten wären. Das sagten mittlerweile welche, die zu der Sekte bzw. Gruppierung der Süleymanci gehörten. Keiner der Antragsteller hat etwas ausgezahlt bekommen. Da sie aber 100% der Investitionen tätigten, um die schon genehmigten 50% vom Staat zu bekommen, konnte, bis auf einen einzigen, dem die Familie half, keiner sein Projekt realisieren. Sie sind alle hoch verschuldet.
Ich weiß aber, dass das System vorher funktionierte, nur momentan hakt es gewaltig. Den Gerüchten zufolge liegt es daran, dass …

Sage ich nicht! 😉

Das könnte Dich auch interessieren …