DIE FRIEDENSFORMEL: WIE ATATÜRK FEINDE ZU FREUNDEN MACHTE

Von Ertuğrul Uzun

HITLER – DER II. WELTKRIEG – WÄREN DER MENSCHHEIT ERSPART GEBLIEBEN…

…wenn Georges Clemenceau in der Konferenz von Versailles im Umgang mit dem Deutschen Reich ähnlich viel Format bewiesen hätte, wie Atatürk vier Jahre später im Umgang mit dem besiegten Griechenland.

EINE DER VIELEN FASZINOSA…

…rund um Atatürks Person ist die Verehrung, die ihm gerade auch in jenen Ländern zuteil wurde, die er zuvor in epochalen Kriegen bezwungen hatte.

EIN GRIECHE SCHLÄGT ATATÜRK
FÜR DEN NOBELPREIS VOR

12. Januar 1934

Der griechische Premier Elefterios Venizelos wendet sich ans Nobelpreis Komitee und legt auf drei Seiten dar, das der Friedensnobelpreis dem türkischen Präsidenten Atatürk gebührt.

Es ist dies derselbe Venizelos, der 1919 Griechenland in die Anatolieninvasion geführt hatte, um die Megali Idea * zu verwirklichen.

Die vernichtende Niederlage, die er dabei von
Mustafa Kemal kassierte, wird in Griechenland die “Kleinasiatische Katastrophe” genannt.

(* Errichtung eines Großgriechenlands einschließlich Istanbul und Westanatolien)

PRÄSIDENT BAYARS USA-BESUCH

Januar – März 1954

Präsident Celal Bayar hält sich zur Staatsvisite in den USA auf. Der einstige Weggefährte von Atatürk besucht 15 US-Städte.

In New York und Chicago säumen Greek Americans die Straßen, um unter großem Jubel und mit wehenden türkischen Fahnen den Präsidenten der Türkei willkommen zu heißen.

Die amerikanische Öffentlichkeit ist perplex.

Hatten sich Griechen und Türken nicht noch vor 30 Jahren einen bitteren Krieg geliefert?

GENERAL TRIKOUPIS

März 1952

Bei einem Empfang der Türkischen Botschaft in Athen fällt dem Journalisten Hıfzı Topuz (29) ein altehrwürdiger Herr von zierlicher Statur auf.

Botschaftsangehörige berichten, dass dieser Gast Nikalaos Trikoupis (84) ist.

“Jener General, der die I. Griechische Armee während ihrer Anatolieninvasion befehligte?” fragt Topuz erstaunt nach.

“Exakt jener Trikoupis, der August 1922, im Zuge unserer Offensive gefangengenommen wurde” antwortet der Botschaftsrat.

“Interessanter noch” fügt dieser hinzu “seit Atatürks Ableben (1938) kommt Trikoupis Jahr um Jahr am 29. Oktober in unsere Botschaft, stellt sich vor Atatürks Portrait und verharrt eine Minute lang im Soldatengruß.”

Topuz ersucht Trikoupis um ein Interview und besucht diesen am Folgetag in seinem Haus.

Aus dem Munde von General Trikoupis:

“Nach der für uns verheerenden Schlacht von Dumlupınar * wurde ich, zusammen mit 300 griechischen Offizieren, von einer türkischen Kavallerieeinheit festgenommen.

(* Die Entscheidungsschlacht, die den drei Jahre dauernden Krieg beendete)

Man brachte mich zu İsmet Paşa. Dieser führte mich zu Mustafa Kemal Paşa.

Es bleibt für mich unvergesslich, was mir Mustafa Kemal bei dieser Begegnung sagte:

‘Seien Sie nicht betrübt General. Sie haben ihre Pflicht makellos erfüllt. Niederlagen gehören zum Soldatenhandwerk. Auch Napoleon geriet einst in Gefangenschaft. Sie genießen unseren vollen Respekt. Betrachten Sie sich als unseren Gast. Ruhen Sie sich von ihren Strapazen aus. Die Verhältnisse (Beziehungen unserer Völker) werden sich bald zum Besseren wenden.’

Trikoupis fährt fort:

“In der Zeit meines Aufenthalts (bis 1923) hat Mustafa Kemal mich stets mit vollendeter Ritterlichkeit behandelt.

Anbetracht seines Großmuts kam ich nicht umhin, eine immer tiefere Bewunderung für diesen großen Feldherrn zu entwickeln.”

So denn äußert sich Trikoupis grundsätzlich zur griechischen Invasion:

“Was hatten wir in Anatolien verloren? Wir ließen uns instrumentalisieren (er meint von Britannien). So viele Ihrer und unserer Leute sind gestorben. Wozu? Heute sind wir befreundete Nationen.”

EINE LEGENDE?

Liegt hier Legendenbildung vor?

Nun, der Bericht von Hıfzı Topuz deckt sich mit Trikoupis Memoiren.

Zudem sind ein halbes Dutzend ähnlicher Fälle, auch durch ausländische Zeitzeugen, belegt.

Der taktvolle Umgang Atatürks mit Besiegten ist ein widerkehrendes Muster in allen Kriegen und über 12 Fronten, wo dieser dank seines strategischen Genius Siege verbuchte.

DIE WÜRDE ANDERER NATIONEN

9. September 1922

Tag der Befreiung Izmirs von der griechischen Besatzung. Eine begeisterte Menge empfängt Mustafa Kemal am Regierungssitz der Stadt.

Vor den Treppen liegt eine griechische Fahne.

Mustafa Kemal soll beim Hineingehen über diese laufen. Dieser macht halt und fragt “was man sich dabei gedacht hätte”.

“Der Griechische König lief bei seiner Ankunft im besetzten Izmir am Hafensteg über eine türkische Fahne”, so die Anwesenden.

Mustafa Kemal: “Eine Fahne ist das Symbol und der Stolz eines Volkes. Wir treten nicht die Würde einer Nation mit den Füßen.”

PSYCHOLOGIE UND WEITSICHT

Wie erklärt sich Atatürks Ritterlichkeit?

Da ist das Ehrgefühl eines Offiziers. Wichtiger noch: Mustafa Kemal, ganz der Staatsmann, denkt stets drei Schritte weiter.

Ein geschlagener Gegner empfindet ohnehin tiefe Schmach.

Diesen zusätzlich zu erniedrigen, wird Verbitterung erzeugen, Rachegelüste wecken und den Boden für künftige Konflikte bereiten.

Die Türken hatten mit ihrem Befreiungskampf (1919 – 1922) einen gerechten Defensivkrieg geführt und gewonnen.

Nun galt es, mit allen Nachbarvölkern einen dauerhaften Frieden herbeizuführen, um sich dem Aufbau der Türkei widmen zu können.

ENTSCHLOSSENHEIT UND AUGENMASS

Versöhnung erfordert mehr als kluge Symbolik.

Vier Jahre zuvor – Mai 1919

Anatolien ist in einem desolaten Zustand. Die Balkankriege (1911 / 12) und der Weltkrieg (1914 – 1918) haben das Land ausgezehrt.

Die Population ist auf 11 Mio geschrumpft, leidet an Unterernährung und Epidemien. Hunderttausende sind ohne Behausung.

Die Entente Mächte haben den Mudros Waffenstillstand missbraucht, diverse Gebiete (u.a. Istanbul) besetzt und bereiten die Aufteilung des türkischen Kernlandes vor.

Der Sultan, die Regierung in Istanbul sind in Geiselhaft der Briten und fungieren als deren willfährige Instrumente.

Ermutigt durch die Briten landen im Mai 1919 griechische Truppen in Izmir und besetzen sukzessive Westanatolien.

In dieser Phase der absoluten Resignation im türkischen Volke setzt Mustafa Kemal nach Anatolien über und organisiert den Widerstand.

Sein Vorhaben, die Besatzer zu vertreiben und einen souveränen Nationalstaat zu errichten, erscheint den Allermeisten als Träumerei.

Zurück zum September 1922

Im Südosten sind die Franzosen vertrieben, im Westen die Griechen besiegt und Izmir befreit, im Osten wurde ein vorteilhafter Grenzverlauf mit der UdSSR erreicht. Istanbuls Okkupation neigt sich absehbar ihrem Ende zu.

Das Parlament in Ankara hat sich als alleiniger Vertreter der Türkei Geltung verschafft.

Allgemeine nationale Euphorie.

Kolumnisten und Parlamentarier fordern, die Armee möge weiter nach Westthrazien ziehen und die im Balkankrieg verlorenen Gebiete zurückerobern.

Militärisch machbar. Die griechische Armee befindet sich in Auflösung.

Moralisch vertretbar. In Thessaloniki hatten Türken die größte Bevölkerungsgruppe gestellt (danach Juden, an dritter Stelle Griechen).

Doch Mustafa Kemal winkt ab.

Ihre Niederlage in Anatolien werden die Griechen hinnehmen. Sie wissen, dass ihr anatolisches Abenteuer ein Unrecht war.

Reizt aber die Türkei ihre Überlegenheit aus, wird es früher oder später erneut Krieg geben.

Und dieser wird, wie stets in der Geschichte, dritte Mächte auf den Plan rufen.

Für die Türken ist Thessaloniki eine türkische Stadt. Die Griechen betrachten Izmir als eine griechische Stadt.

Beide Völker werden sich in Verzicht üben müssen. Anders gibt es kein Entrinnen aus dem Teufelskreis.

Selanik * war Atatürks Geburts- / Heimatstadt. Der Verzicht auf diese war für ihn persönlich ein großes Opfer zugunsten der Staatsräson.

(* Thessaloniki auf Türkisch)

DIE VERSÖHNUNG

24. Juli 1923

Der Friedensvertrag von Lausanne begräbt die Pläne zur Aufteilung Kleinasiens und schreibt die heute noch gültigen Grenzen zwischen der Türkei und Griechenland fest.

Ein weiterer Aspekt ist der Austausch von Bevölkerungen. 1,5 Mio anatolische Griechen werden nach Griechenland, 0,6 Mio griechische Türken in die Türkei umgesiedelt.

Was sich bitter für die Betroffenen ausnimmt,
schiebt gegenseitigen Gebietsansprüchen ein für alle mal einen Riegel vor.

27. Oktober 1930

Venizelos macht Atatürk in Ankara seine Aufwartung. Sein Besuch leitet eine Phase freundschaftlicher Beziehungen ein.

U.a. verpflichten sich beide Staaten keine Bündnisse einzugehen, die eine militärische Aggression gegen den Nachbarn implizieren.

9. Februar 1934

Die Türkei und Griechenland initiieren mit dem Balkanpakt einen Rahmen für eine regionale Friedensordnung und Kooperation.

Der Pakt, dem sich Jugoslawien und Rumänien anschließen, ist zugleich ein Bündnis gegen das faschistische Italien.

Der Balkanpakt sollte 1954, nun zur Abwehr der Sowjetunion, eine Neuauflage erleben (mit dabei Türkei, Griechenland und Jugoslawien).

STREITPUNKTE

Zypern stand in Lausanne nicht auf der Agenda. Die Insel befand sich unter britischer Herrschaft.

Zypern sollte ab Ende der 1950’er Jahre zu einem Streitpunkt in den Beziehungen werden und wesentlich zu deren Trübung beitragen.

Als ein zweiter Konfliktpunkt entpuppten sich kleinere Inseln in der Ägäis. Diesbezügliche Regelungen im Vertrag von Lausanne werden von den Parteien unterschiedlich interpretiert.

Dieser Punkt gewann an Brisanz hinzu, als Griechenland in der Ägäis ein Hoheitsgebiet von 12 Meilen beanspruchte.

UNTERM STRICH ABER…

…konnte seit 95 Jahren eine Konfrontation zwischen den Ländern vermieden werden.

Ein großer Unterschied zu den 100 Jahren zuvor (1821 – 1922), in denen es laufend kriegerische Konflikte gegeben hatte.

Dass beide Staaten in der NATO sind, hat zur Wahrung des Friedens beigetragen.

Wichtiger aber: durch Atatürks Augenmaß und den Vertrag von Lausanne war bei zentralen Fragen ein Interessensausgleich erreicht und so die Basis für eine nachhaltige Befriedung geschaffen worden.

Revanchistische Forderungen sind in beiden Ländern eine Minderheitsposition geblieben.

SEINER ZEIT VORAUS

In Zeiten der Verzagtheit, als das Überleben der Nation auf dem Spiel stand, hat Atatürk konsequent türkische Interessen verfolgt und hierfür den Konflikt mit den Großmächten (Britannien, Frankreich, usw.) nicht gescheut.

In Zeiten des Überschwangs hat Atatürk Vabanque Spiele gemieden, die Sicherung des Erreichten, die Versöhnung mit den Nachbarn und den Aufbau im Inneren priorisiert.

Maximen seines Handels waren:

1
“Demütige nicht deine Kontrahenten.”

Nur so werden sie ihre Niederlage hinnehmen und über ihre Fehler reflektieren.

Edelmut befördert den Heilungsprozess.

2
“Missbrauche nicht deine Macht.”

Wird der Bogen überspannt, wird beim Gegner der Revanchismus befügelt.

3
Militärische Mittel sind einzig zur Wahrung der nationalen Souveränität legitim.

Kriege verschaffen nur zeitweilig einen Vorteil. Wahre Staatskunst besteht darin, den Frieden zu erhalten.

Heute sind diese Maximen zumindestens in Westeuropa eine Selbstverständlichkeit. In der Zeit vor dem II. Weltkrieg war das nicht der Fall.

Die Demütigung Deutschlands in Versailles, überzogene Reperationen, die Besetzung linksrheinischer Gebiete durch Frankreich und die Abtrennung von auch mehrheitlich deutscher Gebiete haben den Austieg Hitlers wesentlich befördert.

Von der Staatskunst und dem Erbe Atatürks zehrt die Türkei noch heute – trotz aller gegenteiligen Umtriebe der letzten 15 Jahre.

Über den Autor: Ertugrul Uzun, Jahrgang 1967 ist Politikwissenschaftler und lebt in Berlin

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Foto 1
Venizelos und Atatürk bei einem Empfang in Ankara 1932

Foto 2
Gemälde zur Erinnerung an die Staatsmänner

Foto 3
Erste Seite des Briefes, den Venizelos an das Nobelpreis Komitee schrieb

Foto 4
General Trikoupis bei seiner Gefangennahme

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