Keine Ahnung von Nichts, aber empört und wütend.

Die christlichen, jüdischen, armenischen und griechischen Feiertage wurden Anfang des Jahres immer schön säuberlich auf ein Zettel aufgeschrieben und mit einer Reiszwecke an den Fensterrahmen festgemacht.

Stand irgendein Feiertag unserer Nachbarn an, die eine andere Konfession hatten, so legte man fest, um welche Uhrzeit man bei der Familie besuchte und gratulierte.

Immer hatten wir eine Schachtel Schokolade, oder in Ausnahmefällen auch Lokum (türkische Süßigkeiten), als Mitbringsel dabei.

Wir Kinder zogen unsere feinen Sachen an und auch unsere Eltern waren ebenfalls festlich gekleidet. Zumeist besuchten wir die Nachbarn als Horde, denn die Tanten, Onkels, Oma, Opa, alle waren mit im Gepäck.

Da wir die Schuhe, wie in der Türkei üblich, an der Tür auszogen, damit kein Dreck in die Wohnung getragen wird, kam ich mir ziemlich nackt vor. Wozu die schicken Sachen anziehen, wenn man dann am Ende mit den Socken dasteht? Ich war schon immer anders als die anderen unterwegs.

Stellt Euch drei, vier Männer in Anzügen, mit Krawatte und ohne Schuhe vor. Da verschwand im nu das gesamte Charisma.

Es war ein Wechselspiel. Jeder der Familien besuchte die anderen an besonderen Tagen. Juden, Griechen, Armenier, Christen und Muslime, wir waren eins in der Türkei. Jeder lebte sein Glauben für sich, oder ließ es sein. Interessierte niemanden.

Während wir zu Besuch bei unseren Nachbarn waren, ich mit Izhak (Isaac) und Stella, im Garten spielten und um das Haus liefen, waren wir in Istanbul (Bostanci-Catalcesme). Zuerst zogen unsere Freunde weg, dann verließ uns unser Istanbul, mit allen ihren Schönheiten, wie wir sie kannten und am Ende wurden sich die Menschen fremd.

Mittlerweile sind in der Türkei die Menschen ohne Bildung und Anstand, aber mit Angst vor Repressalien seitens des Staates unterwegs. Gelenkt werden sie von Menschen, die sich der Religion bedienen, korrupt sind und ungerecht agieren. Der Rechtsstaat existiert nicht mehr.

Gestern noch waren sie zwei Wochen lang entsetzt wegen den Gräueltaten in Myanmar, heute tun sie so, als wäre ihnen Jerusalem wichtig, morgen reden sie dann über Fußball. Die Risse in der Gesellschaft werden immer größer. Wo soll das nur hinführen?

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