Türkei wäre nicht Türkei, wenn es mehr gäbe

mindestlohnAlso schreibe ich mal wieder darüber, warum man in der Türkei, wie wahrscheinlich anderorts auch, immer das Gefühl hat, ungerecht entlohnt zu werden. Nur in der Türkei ist das nicht nur ein Gefühl. Was du fühlst, lebst du auch.

Die niedrigen Mindestlöhne, machen die Türkei, zum China Europas. Klar, in Albanien sind die Löhne halb so hoch, nur gibt es dort die Infrastruktur und die Arbeiter (noch) nicht, die man für die Produktion braucht. Dank Italien, werden sie aber in 3-4 Jahren bald soweit sein.

Lassen wir mal die Ausnahmen, die die Regel bestätigen, weg. Diese sind hauptsächlich unter den leitenden Angestellten zu finden, die u.a. aus Deutschland, zu den türkischen Vertretungen, geschickt werden. Diese werden innerhalb des Unternehmens unter ‚Experts‘ geführt. Die Experts würden sich auch nicht ein Meter bewegen, wenn die Entlohnung nicht dem in Deutschland entspräche.

Es gibt noch einige andere Ausnahmen. Das sind die Mitarbeiter, die vor 10 und mehr Jahren eingestellt wurden. Damals hat man noch zu Deutsch agiert. Die Geschäftsführer, zumeist Deutsche, konnten sich nicht vorstellen, dass mit dem wenigen Geld, was die Mitarbeiter bekommen sollten, ein Überleben möglich wäre. Also zahlten sie, für türkische Verhältnisse, weit über dem Markt.

So gibt es heute z.B. Kollegen, die den gleichen Status in der Firma haben und unterschiedlich entlohnt werden. Während der eine (die Personen sind mir bekannt), 2.000 EUR/Netto und 16 Gehälter bekommt. Also alle drei Monate 1 Monat Bonus, bekommt der Kollege am Nebentisch 1.800 TL/Monat (12 Monate, keine 16). Wie motivierend das, für den jungen Kollegen ist, kann man sich ausdenken.

Warum das so gekommen ist? Die deutschen Unternehmen, bzw. deren Geschäftsführer stellten sich nach Jahren die Masterfrage: „Warum sind wir in der Türkei?“ Die Antwort war allen bekannt. Doch wegen den niedrigen Löhnen. Also haben sie alle angefangen, die Löhne herunterzuschrauben. Die Neueinstellungen mussten es ausbaden. Sie hatten nur noch die restlichen Vorteile, die man bei einem deutschen Arbeitgeber hat: Pünktliche bzw. Entlohnung überhaupt. Das kann bei türkischen Arbeitgebern, die nicht so institutionell unterwegs sind, schon anders ausschauen. Auch habe ich durch die Jahre feststellen dürfen, dass die Angestellten deutscher Unternehmen, egal was sie verdienen, einen besseren Schlaf haben.

Die Neuankömmlinge, oder die die für ein Leben und Arbeiten in Istanbul am Start sind, sollten sich mehrmals überlegen, ob sie sich das antun wollen.

Übrigens, die meisten, die sich als Rückkehrwillige bezeichnen, sagen; ‚Türkei‘, meinen aber Istanbul, oder eine andere Metropole. Stimmt, wenn Arbeit, dann findet man diese, fast nur in den Metropolen. Nimmt man aber Istanbul als Beispiel, dann wird Ihr Lohn, etwas mehr als die Miete sein, die Sie zahlen müssen. Nimmt man noch die Heizkosten im Winter und die allgemeinen Stromkosten dazu, sind Sie schon nicht mehr Überlebensfähig.

Wie kam ich dazu mich darüber auszulassen? Stimmt, jemand fand 2.000 TL Lohn zu niedrig. Nur, in der Regel, wird auch nicht mehr drin sein. Schließlich wäre Türkei nicht Türkei, wenn es mehr gäbe.

Ich vergaß noch zu erwähnen!!! Sollten Sie wie durch ein Wunder schaffen als Familie mit diesem Gehalt durchzukommen, so dürfen Sie keine Kinder haben. Auch wenn diese in staatliche Schulen gehen, bleiben sie ein Kostenfaktor, die man nicht unterschätzen sollte.

Die Armutsgrenze im August 2016 (4 köpfige Familie), lag bei 4.515 TL.

Ein Einzelner benötigt 1.712 TL, um zu überleben. Der Mindestlohn aber beträgt 1.300 TL.

Quelle: Arbeitnehmerverband Türk-Is

Karikatur: timoessner.de

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