Teil II – Die Gastarbeiter

Deutschland – Türkiye – Türkei – Almanya

Teil II – Die Gastarbeiter

Mit dem Anwerbeabkommen 1961, das unter dem Druck deutscher Wirtschaftsverbände und -unternehmen geschlossen wird, kommen die ersten Türken nach Deutschland.

Deutschland wollte endlich aus den Trümmern der Nazizeit auferstehen und ein Mitspracherecht bei den mächtigsten Ländern der Welt erlangen. Die Wirtschaftliche Potenz war dabei ausschlaggebend und der Aufstieg in Greifweite.

gastarbeiter1Dann sind sie auf einmal da, die Ahmet‘s und Mehmet‘s, Ayse’s und Fatma’s. Meist dunkelhaarig und zunächst verschlossen gegenüber einer ihnen völlig unbekannten Gesellschaft. Sie fallen unwillkürlich auf.

Sie werden notdürftig in hastig umgebaute Ställe, Hallen und Arbeiterwohnheime mit 6-10 Personen Doppelbettzimmern untergebracht. Das Begrüßungsgeld von 20 Mark muss innerhalb von vier Wochen zurückgezahlt werden. „Gast“-Geschenke sind symbolisch und dienen der Presse für nette Fotostories.

Fremdelnde „Anatolier“ und argwöhnische Wirtschaftswunder-Deutsche stehen sich in Köln, Berlin, Ruhrgebiet, Frankfurt und Hamburg gegenüber.
Bei Ford in Köln malochen sie und im Schwabenland schaffen sie beim Daimler. In Gelsenkirchen sind sie „Kumpel“, in Essen am Stahlkocher und in Berlin bei Siemens.

Türken verlassen ihre Heimat um „schnell“ Geld zu verdienen – koste es was es wolle, und werden nahezu gleichzeitig auch Fremde im Mutterland.
Sie arbeiten für Niedriglöhne, sparen aber die hart erwirtschaftete D-Mark und es reicht trotzdem den Lebensstandard in der Heimat spürbar und signifikant zu erhöhen. Die Einheimischen wundern sich und grenzen sie nach kurzer Zeit aus.

Für die allermeisten „Deutschländer“ reicht es später um sich im 4 Wöchigen Heimaturlaub „gut zu fühlen“. Zu mehr kommt es nicht.

Sie bleiben in „ihrem“ Almanya. Dauerhaft.

Einem Almanya dass sie in der Heimat leidenschaftlich verteidigen und lobpreisen um gleichwohl in Deutschland in der Masse zu verschwinden. Zumeist in Stadtvierteln, in denen Deutsche nicht mehr wohnen mögen. Die Zeiten der Separation und des Ausschlusses sind bereits etabliert. Hier liebt man sie nicht und das nagt am Selbstbewusstsein.

Sie wissen um ihre Defizite können sich aber der etablierten Meinung nicht entledigen. Zunächst schaffen es nur wenige aufzusteigen. Eine vernünftige Schulbildung für die nun in Deutschland geborene „nächste“ Generation scheint als Schlüssel zur „Anerkennung“ erkannt zu werden.

Ihre Kinder werden als Mohammedaner in den Klassenbüchern der Grundschulen geführt. Der einzige Vorteil der damaligen Zeit ist indes, die Befreiung vom Religionsunterricht und somit eine Stunde länger schlafen für die türkischen Kinder. Dennoch ist für die meisten die Hauptschule die nächste Station des Bildungszuges. Wenige kommen auf Realschulen, türkische Kinder auf Gymnasien sind Exoten.

Türken versuchen um jeden Preis nicht aufzufallen und sehen dies als gelungenen Beitrag zur Integration. Die Partizipation am Gesellschaftsleben ist äußerst begrenzt.

Deutsche fühlen sich überfremdet von türkischer Heißblütigkeit und Impulsivität. Sie kritisieren die mangelnde Integration und werden später auch auch nach 50 Jahren weder ihre Namen Aussprechen noch schreiben können. Selbst wenn sie deutsche Nationalspieler sind. Es werden Debatten um das Mitsingen der deutschen Nationalhymne geführt werden.
Sie fühlen sich bedroht vom Sprachenwirrwarr und den halbfertigen deutschen Sprachfetzen.

Es gibt keine „Kurse“, keine „Hilfen“ – und vor allem kein intensives Miteinander. „Die“ Ausländer sollen wieder zurück in die Heimat – da sie hier nur Gast seien. Freundschaften entstehen eher selten.

Da reichen auch die saftigen Wassermelonen, köstlichen Auberginen und dicken Fleischtomaten in den Gemüseläden der jungen türkischen „Unternehmer“ nicht um zwischen den Fronten aufzulockern. Selbst die Dönertasche schafft es nicht eine innige Beziehung zwischen beiden „Völkern“ herzustellen.

Das Klima ist schwierig und kaum jemand versucht die Situation zu analysieren um Lösungen finden zu wollen.

Zwischendurch wird 1973 das „Anwerbeabkommen“ bedingt durch die Weltwirtschaftskrise beendet. Der Arbeitsmarkt ist „gesättigt“. Deutsche und Türken werden Arbeitslos.

Die eigentliche >>KRISE<< sollte jetzt erst beginnen …

Teil I – Die zarten Anfänge und das ‘starke’ Bündnis

dİ.e Q.olumne®by Kemal Kilic@WhenWeWereFriends
Photo: „Gastarbeiter“ am Bahnhof

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