Meine neue Tochter kommt aus Syrien

 

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Vater, Mutter, drei Kinder – und seit knapp einem Jahr ein viertes: 2015 nehmen die Masings aus Berlin einen Flüchtling bei sich zu Hause auf. Die 21-jährige Areej kommt aus Syrien, aus dem Krieg. Der Kulturclash bleibt aus: Inzwischen sind alle überrascht, wie einfach doch eigentlich alles ist.
Manchmal verlässt Areej tagelang nicht das Haus. Bomben, Luftangriffe, Krieg – direkt vor der Haustür. “Immer, wenn meine Mutter beim Einkaufen war, habe ich sie angerufen. Ich hatte Angst um sie”, sagt Areej. Ihre Heimatstadt, Hassaka, ist in Deutschland wenig bekannt. Doch auch dort, im Nordosten Syriens, 80 Kilometer vor der türkischen Grenze entfernt, sterben Zivilisten. “Zwei Kinder allein in unserer Straße”, sagt Areej. Vor knapp zwei Jahren beschließt ihre Familie, aus der 200.000-Einwohner-Stadt zu fliehen.

Areejs Eltern schaffen es in einem Schlepperboot übers Meer. “Wir hatten Glück, dass keiner gestorben ist”, sagt sie. Mutter und Vater flüchten nach Schweden, doch Areej will nach Deutschland und kommt mit einem Studentenvisum. Ein Jahr lang lernt sie Deutsch, dann sucht sie eine neue Unterkunft. Sie googelt und findet “Flüchtlinge Willkommen”. Eine Initiative, die WG-Zimmer an Flüchtlinge vermittelt. 380 Flüchtlinge haben die Initiatoren seit 2014 privat untergebracht. Auch Familie Masing hat davon gehört. Vater, Mutter, drei Kinder, Hund – und ein großes Haus im Westen von Berlin. Viel Platz für einen Flüchtling, sagen sie.

Warum nimmt jemand einen Fremden aus Syrien zu Hause auf?

Vanessa Masing wirkt nicht wie eine, die morgens um drei in der WG-Küche über den Kapitalismus diskutiert. Im Wohnzimmer mit den Holzdielen steht ein Klavier, auf dem Küchentisch liegt der “Tagesspiegel”. Erfahrungen in der Flüchtlingshilfe? Bisher keine. Kleiderkammer? Behördengänge? Hilfe für traumatisierte Syrer? “Das würde meine persönlichen Möglichkeiten überschreiten”, sagt sie. Und doch meldet sie das freie Zimmer in ihrem Haus bei “Flüchtlinge Willkommen” an. Miete will sie nicht dafür.

Seit 2014 vermittelt die Initiative “Flüchtlinge Willkommen” WG-Zimmer über eine Internetseite. Bisher wurden 380 Zimmer an Flüchtlinge vermittelt, sagt Jonas Kakoschke, Mitgründer von “Flüchtlinge Willkommen”.

“Klar bin ich Gutmensch”
Die Masings haben drei Kinder. Marie ist 14, Moritz 18, Henri 21. Areej könnte ihr viertes sein. Und ist es im vergangenen Jahr auch geworden. Ein bisschen zumindest. Muttergefühle? Vielleicht eher Verantwortung. “Wenn eines unserer Kinder in Areejs Situation wäre, würden mein Mann und ich uns auch wünschen, dass eine Familie es bei sich aufnimmt.” Es ist mehr so eine Art stellvertretende Mutterschaft. Weil die Welt so ist, wie sie gerade nun einmal ist. Nicht lange fackeln. Haus aufgemacht, Flüchtling aufgenommen, was gibt’s zu essen?

Am ersten Abend haben alle ein bisschen Angst

Rückblick. Der erste Abend. Vanessa Masing ist angespannt. Einem Fremden das Haus öffnen, in dem sie mit ihrer Familie wohnt? Und was, wenn da jemand kommt, der permanent Hilfe braucht? “Das hätte ich nicht leisten können.” Auch Areej ist nervös. Was, wenn die Kulturunterschiede zu groß sind? Und wie integriert man sich in eine gewachsene Familie? Sie will niemandem zur Last fallen. Doch die Angst ist unbegründet. “Wir hatten von Anfang an ein gutes Bauchgefühl”, sagt Masing.
Seit fast einem Jahr leben die Masings jetzt mit Areej zusammen. Sie ist selbständig, hält sich oft in ihrem Zimmer auf. “Du hast ein wunderbares Gespür für unsere Familie”, sagt Masing. Es klingt so, als würde Areej die Familie manchmal in Ruhe lassen, als würde sie die Rolle des vierten Kindes nicht beanspruchen. Und als würde sie doch hart dafür arbeiten. Jeden Tag fährt sie zum Deutschkurs, spricht die Sprache perfekt. Manchmal geht sie mit Sohn Moritz feiern. “Sie ist einfach unglaublich lieb”, sagt Marie, die Jüngste.

Nächste Station: Studium in Göttingen

Das Fazit der Familie nach einem knappen Jahr WG-Leben?

Wie einfach doch eigentlich alles ist. Und dass Integration gelingen kann. Sohn Henri lobt Areejs Disziplin. “Völlig verrückt, wie sie hier ihr Ding durchgezogen hat”, sagt er. Einser-Abi, gerade hat sie einen Studienplatz in Göttingen bekommen. Zum Wintersemester fängt sie dort als Zahni an, Zahnmedizin. “Aber eigentlich will ich in Berlin bleiben”, sagt sie. Beziehungsweise so schnell wie möglich nach Berlin zurückkehren, als Zahnärztin. Vanessa Masing wird fast ein wenig sentimental. “Bei uns wird immer ein Zimmer für dich frei sein”, sagt sie. “Dann als Freundin der Familie.”

von Dominik Rzepka
Dem Autor auf Twitter folgen: @dominikrzepka

Quelle: heute.de

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