Teil I – Die zarten Anfänge und das”starke” Bündnis

Deutschland – Türkiye – Türkei – Almanya

imkampfvereintDeutsche und Türken haben in ihrer Geschichte über Jahrhunderte in bestimmten Abschnitten, rege diplomatische Beziehungen und intensive Berührungspunkte. Sie sind wechselseitigen Einflüssen unterlegen, die sich im Laufe von Entwicklungen sehr oft auch wesentlich verändern sollten.
Doch sind beide auch immer Teil eines Ganzen, das sich über die Jahrhunderte gewissen Perspektivwechseln unterzogen war und sich ändernden Machtverhältnissen zugesprochen werden sollte.

Man kann und darf die jahrhundertelange Geschichte beider Völker-, Länder- und Staatengebilde nicht negieren will man verstehen, woher die aktuellen Positionen und der derzeitige Status herrühren. Möchte man beide Positionen analysieren und vor allem verstehen, ist der Blick zurück unverzichtbar – wenn man die Zukunft erkennen möchte.

Deutschland und die Türkei stehen am wichtigsten Punkt ihrer gemeinsamen Geschichte. Vieles bis dato erreichtes wird gerade jetzt in Frage gestellt.
Ehemalige Versäumnisse drohen im Angesicht der aktuellen Situation vergessen zu werden – ohne einer maßgebenden Korrektur unterzogen zu werden.

Es ist eine ungewöhnliche und gleichsam bedrohliche Drucksituation entstanden – die in der Historie beider Länder neu ist.

Doch geht es nicht „nur“ um die politischen und somit diplomatischen Beziehungen zweier Staaten.

Es geht um Menschen, die sich beiden Staaten zugehörig fühlen. Ob ehemals als billige Arbeitskraft gekommen und als Einwanderer geblieben – oder als Urlauber, die Land und Leute lieben gelernt haben und jetzt dort ihren Lebensabend verbringen – oder für große deutsche Firmen in Istanbul, Ankara oder Izmir arbeiten und leben.

Nicht unerwähnt bleiben muss auch, dass Deutschland eine Handelsbilanz von über 35 Milliarden Euro mit der Türkei hat. Über 6.500 deutsche Firmen sind in der Türkei ansässig. Gleichzeitig sind viele Türkeistämmige Bürger mit über 80.000 Firmen und 420.000 Beschäftigten ebenfalls ein Faktor unter Deutschlands Unternehmern.

Beide Länder sind voll von beidseitigen „Niederlassungen“. In beiden Ländern sind die Spuren beider Kulturen, Auffassungen und Blickrichtungen unübersehbar – nicht nur geschichtlich.

Insbesondere in Deutschland lebende türkische Staatsbürger als auch Deutsche mit türkischen Vorfahren und Wurzeln, scheinen heute mehr denn je eine Schlüsselrolle in der Beziehung beider Länder einzunehmen.

Die Frage ist, ob sie es sich ausgesucht haben oder von der Politik und dem vorherrschenden Zeitgeist eingenommen worden sind?
Welche Rolle spielen sie heute und was wird ihr Platz in der Zukunft sein?

In einem Essay unterteilt in insgesamt fünf Kurzfassungen, versucht die dİ.e Q.olumne®by Kemal Kilic, der Deutsch-Türkischen Geschichte, seinen wechselseitigen Beziehungen und aktuellen Entwicklungen nachzugehen und diese zu kommentieren.

Teil I: Die zarten Anfänge und das „starke“ Bündnis
Teil II: Die Gastarbeiter
Teil III: Die „bunten“ 80er
Teil IV: Deutsche Wiedervereinigung und der Wandel in beiden Gesellschaften
Teil V: Jetzt, hier+dort und heute – aber was ist mit „morgen“?

dİ.e Q.olumne®by Kemal Kilic
Teil I – Die zarten Anfänge und das „starke“ Bündnis

Während Germanen und andere Mitteleuropäische Völker noch lose Stämme darstellen ist der Nahe Osten bereits ein Schmelztiegel von Kultur, Wissenschaft und Politik. Euphrat und Tigris bilden im fruchtbaren Mesopotamien die Wiege des modernen Denkens.

Das Römische Reich erweckt Europa und stellt es zugleich unter seine Herrschaft. Es breitet sich aus und umfasst auch Nordafrika und Teile West-Asiens inkl. der mittlerweile im Zerfall befindlichen Kulturgesellschaften.

Mit den christlichen Kreuzzügen bilden sich neue Machtverhältnisse im Osten Europas und Westen Asiens durch die Seldschuken.

Es entsteht eine Weltmacht unter der Familie der Osmanen, die sich über Jahrhunderte einig zeigt und schnell ausbreitet.
Mitteleuropa indes ist noch immer von Herzog- und Fürstentümern, Königreichen und Kaisern zerteilt und erlebt einen „inneren“ Kampf – der zusätzlich durch Glaubenskriege wie dem 30-Jährigen Krieg beeinflusst wird.
Bereits 100 Jahre vorher wird Wien von Süleyman dem Prächtigen belagert, nachdem er Belgrad – der damals größten Festung Europas – in 3 Wochen einnimmt.

Schließlich erreicht unter August II. dem Starken von Sachsen und Polen der sich heißblütig für die türkische Kultur interessiert, die sächsische Bewunderung für das damalige osmanische Reich ihren absoluten Höhepunkt.
So inszenierte sich der sächsische Kurfürst und spätere polnische König mehrfach als Sultan und schickt Abgesandte auf Einkaufstour nach Konstantinopel. Gleichzeitig entsteht in Dresden (Türckenkammer) durch eine Sammlung von über 300 Jahren, die bis heute größte Ausstellung türkischer Kultur außerhalb der Türkei.

Echte Diplomatische Beziehungen zwischen Deutschen und Türken entstehen aber erst später. Im Jahre 1761 kommt es im Feldlager von Bunzelwitz (7-Jähriger Krieg – Preußen gegen u.a Österreich, Frankreich, Russland) zum ersten Bündnis zwischen Deutschen (Friedrich des Große von Preußen) und Türken (Osmanisches Reich).

Richtig vertieft werden diese Beziehungen schließlich 1898 mit dem Konstantinopel-Besuch Kaiser Wilhelms II. und finden ihren Höhepunkt im militärischen Bündnis des 1. Weltkriegs zwischen dem Deutschen und Osmanischem Reich.
Der deutsche Kaiser erklärt sich zum Beschützer aller Muslime und posiert für deutsche Postkarten in osmanischer Militäruniform und Fes.

Es werden große Pläne geschmiedet, die bis nach Indien reichen und die französischen und englischen „Kolonialisten“ aufhalten und auch Russland in Schach halten sollen.

Ein großes Bündnis entsteht im Antlitz des Untergangs und soll den Herrschaftsträumen einer Achse von Hamburg bis Bagdad dienen.

Beide verlieren – Weltreiche und Dynastien.

Sie verlieren zwar in gemeinsamer Allianz, aber mit unterschiedlichen Auswirkungen auf beide Länder.

Deutschland baut sich politisch wieder auf, während die Türkei noch in den Unabhängigkeitskampf gegen seine Besatzer gehen muss.

Beide gewinnen eine Republik und gehen den Schritt in die Demokratie.

Während sich die Türkei mit geschickter Diplomatie, Neutralität und Friedenswillen aus dem 2.Weltkrieg raushält, führt Deutschland die Welt erneut in den Krieg.
Es sterben über 65 Millionen Menschen.

Zu einem Zeitpunkt indem Deutschland in Trümmern liegt wird die Türkei als bisher einziges Land der Welt von der UNO zum Beitritt zu den Vereinten Nationen eingeladen und zählt zu den 51 Gründungsmitgliedern.

Und doch soll die Türkei für ihren weitgehenden Verzicht im 2. Weltkrieg aktiv gewesen zu sein, einen entscheidenden Nachteil erlangen.
Während Europa und vor allem Deutschland von der amerikanischen Marshall-Hilfe profitiert – erhält die Türkei nur ein „Taschengeld“ für ihre symbolische Kriegserklärung gegen Ende des Weltkriegs.

Vor allem wirtschaftlich sollte das Land keinen richtigen Anschluss an Europa finden können. Aber auch auf anderen Feldern liegt es deutlich zurück – auch wenn es vordergründig zunächst positive Signale gibt und die Entwicklung hoffnungsvoll verläuft.

Es wird 1949 Mitglied des Europarates (Deutschland 1950) und bewirbt sich bereits 1959 um einen Eintritt in die EWG – dem Vorläufer der EU – das 1963 in einem Assoziierungsabkommen mündet.

1952 wird die Türkei Nato-Mitglied. Deutschland folgt 3 Jahre später.

Nun biegt Deutschland endgültig auf die internationale Überholspur und steigt zur Wirtschaftsmacht in Europa und der Welt auf.

Am 30.Oktober 1961 bauen beide Staaten durch das vom Kabinett Adenauer mit der Türkei geschlossene Anwerbeabkommen wieder starke bilaterale Beziehungen auf.

Der „Gastarbeiter“ wird geboren.

dİ.e Q.olumne®by Kemal Kilic@WhenWeWereFriends
Photo: Postkarte aus dem deutschen Kaiserreich

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