Der Türkei laufen die High-Potentials weg

highpotentialHierzu möchte ich Bezug nehmen auf ein Interview, zwischen der Journalistin Yaprak Özer, von der Wirtschaftzeitung Dünya und der Professorin Sebnem Kalemli-Özcan, von der Maryland University. Sie ist Türkin, anerkannte Wirtschaftsexpertin und unterrichtet in den USA, Wirtschaftswissenschaften.

Stellt Euch vor, wir leben im 21. Jahrhundert und das Land erlebt ein Putschversuch… Das ist beschämend. Türken töten Türken. Anschließend agiert man so amateurhaft, dass man auf allen Ebenen des Staatsapparates und auch der Wirtschaft (Zwangsverwaltung vieler Unternehmen), die Profis durch Amateure ersetzt. Alles verleugnen, schwören, dass man nicht dazu gehörte und weitermachen. Die Geständigen sagen, dass sie getäuscht wurden. Es würde mich nicht wundern, wenn der Gülen bald auch noch kommt und sagt, er wäre getäuscht worden. So reden wir nicht über die eigentlichen Themen, sondern nur drum herum.

Hier, zu dem was die Professorin, im Interview sagte:

Die letzten Jahre forscht Prof. Kalemli-Özcan hauptsächlich über globale Geldflüsse und Kreditblasen. Sie ist eine der Ansprechspartnerinnen der Weltbank, IMF und der europ. Zentralbank. Sie hat vor einigen Monaten, vor dem Brookings Institute ein Referat über die Türkei gehalten. Die Überschrift hieß: „Know how, anstelle des Know who“.

Die Überschrift muss man folgendermaßen verstehen: In der Türkei weiß jeder, wenn was passierte, wer es war, oder spricht eine Vermutung aus. Hingegen, was Know-how angeht…  Fehlanzeige!

Auch der gescheiterte Putschversuch unterlegt den Satz.

Prof.Kalemli-Özlem sagt: „Wäre in der Türkei reichlich Know-how, anstelle von Know-who vorhanden, gäbe es kein Putschversuch.

Dunya: Die Wirtschaft hat, trotz des Putschversuches, keinen Schaden abbekommen, wie sehen Sie das?

Prof. Kalemli-Özlem: Türkei ist, global gesehen, immer noch ein guter Platz für Investitionen. Warum? Bei den wohlhabenden Ländern haben wir Negativzinsen. Wenn in diesen Ländern die Situation gut wäre, hätte es die Türkei sehr schwer. Schauen Sie sich Brasilien an. Nach den politischen Skandalen, gab es Kapitalflucht. Die Investoren verglichen dabei Brasilien, mit anderen Süd-Amerikanischen Ländern und zogen das Kapital ab.

Türkei ist auch hier in der glücklichen Lage. Sie wird mit den östlichen Nachbarn verglichen. Da die Situation bei denen noch schlimmer ist, muss die Türkei nicht ausbluten.

Türkei ist aber abhängig von der Weltkonjunktur, im Besonderen von der europäischen. Europa-Investitionen lohnen sich derzeit nicht. Das mag mit ein Grund sein, weshalb das Geld in der Türkei bleibt. Das kann sich aber schlagartig ändern.

Türkei bekommt den Vorzug nicht, weil es so gut ist, sondern weil die anderen nicht besser sind. Die türkische Wirtschaft muss viel an Energie, Rohstoffe, Teile, Halbfertigerzeugnisse… importieren. Dabei sind sie komplett vom Ausland und vom europäischen Kapital abhängig. Reißt die Bande zu Europa ab, würden in der Türkei sofort die Alarmglocken läuten.

Die türkische Wirtschaft existiert momentan, durch die Weltkonjunktur erzeugten, Zufälligkeiten. Das kann jeder Zeit kippen und sich umkehren.

Dunya: Dann scheint ja gerade der Zeitpunkt richtig zu sein. Was empfehlen Sie?

Prof. Kalemli-Özlem:  Wie schon gesagt, nur weil es den anderen nicht besser geht, funktioniert es momentan. Jetzt muss man die Gelegenheit beim Schopfe packen. Es ist noch nicht zu spät. Hätten wir ab 2006 die Infrastrukturreformen vorangetrieben, dabei meine ich auch die Bildungsreform, dann hätten wir jetzt eine Generation, die Fragen stellt und nicht nur auf Glauben basierend agiert. Dann wäre auch ein Putschversuch unmöglich geworden.

Türkei wird nur dann zu alter Stärke zurückfinden, wenn sie sich daran erinnert, dass sie ein laizistisches Land ist. Ansonsten wird die Türkei niemals ein Teil der Weltwirtschaft werden. Das wichtigste ist eine gebildete Generation zu erzeugen. Ohne Bildung und ohne einen Sockel, wo die Bildung drauf aufbauen kann, ohne Menschen, die Fragen stellen, wird man nicht weiterkommen.

Die einzelnen Gruppierungen in einzelne Schubladen zu stecken, bringt nur noch Dunkelheit über das Land.  Wissen-Bildung- Laizismus, darauf muss man bauen.

Dunya: Laut OECD ist die Türkei das Land, mit den meisten abwandernden High-Potentials. Was tun?

Prof. Kalemli-Özlem:  Wer als intelligent ist und wer in der Lage ist, geht weg. Ich erzähle Ihnen mal was. Ich bin eigentlich für das Abwandern eines High-Potentials, ein Paradebeispiel. In den letzten 10 Jahren bin ich mehrmals in die Türkei gekommen, um hier zu leben und zu arbeiten. Jedes Mal bin ich aber wieder weggezogen. Um dem Abwandern von intelligenten Menschen vorzubeugen, hat man das „European Research Council Grant“ gegründet. Ich bin einer der ersten  Wissenschaftlerinnen aus der Türkei gewesen (2008), die den ‚Marie Curie Preis‘ bekam. Ich kam in die Türkei und kehrte nach 2 Jahren zurück in die USA.

Die Grundvoraussetzungen, dass ich hier frei forsche, spreche, denke, waren nicht gegeben. Eine der namhaftesten Universitäten der Türkei, wo ich arbeitete, wollte sogar ein Teil meines Stipendiats, mir wegnehmen.

Es wird noch lange dauern, bis sich das alles ändert.  (go2tr.de: Zuerst muss man damit anfangen, etwas zum Bessere zu ändern.) Die jetzige Generation kann man getrost als ‚verloren‘ abschreiben. Übrigens, die Abwanderung fing schon vor dem Putschversuch an. Die Wissenschaftler, deren Forschungen USA und europäische Standards hatten, sind schon lange im Ausland, viele andere haben die Stellengesuche gestartet. Laut OECD trifft die Abwanderung von High-Potentials, weltweit, die Türkei am härtesten. Man erwartet, dass es in fünf Jahren noch schlimmer werden wird.

Dunya: Wie kann man eine Rückkehr bewirken?

Prof. Kalemli-Özlem: Wenn einer anfangen soll, an die Rückkehr in die Türkei zu denken, muss er erst einmal ein Land vor sich haben, der an die demokratischen Werte glaubt und diese umsetzt, ein liberales, laizistisches Land, wo die Rechtsstaatlichkeit funktioniert.

Stellen Sie sich vor, einige Forschungen, nicht nur in Sozialfächern, sondern auch in Medizin, Ingenieurswesen… darf man hier nicht betreiben. Forschen Sie dennoch, setzen Sie ihre Freiheit aufs Spiel. Die richtig guten Wissenschaftler würden, auch nicht für viel Geld, zurückkehren. Erst muss er sicher sein, dass er seine Meinung frei äußern kann. Ohne Garantien und den Beweis, dass es geht, kehrt er nicht zurück.

Wir reden in der Türkei immer noch darüber, woher einer kommt und wem er folgt. Know-who ist aber nicht annähernd so wichtig, wie Know-how. Auch die Wirtschaft muss zu Know-how wechseln. Der Mensch muss seine Würde haben. Ohne Würde kommst du nirgends an.  Das betrifft alle Emerging Markets. Bei uns ist aber das Problem, dass sich alles mit dem Religion vermischt hat. Wir müssen daraus unsere Lehren ziehen. Was du sähst, erntest du. Wenn du deine Geschäfte immer mit den Deinen und Freunden machst, wirst du die Profis dauerhaft verlieren.

Jetzt geht es darum. Die Würde des Menschen ist unantastbar. Wenn dieses umgesetzt wird, wird der Wandel in der Türkei beginnen. Dann kann man auch daran glauben, das sich was zum Guten wenden wird, in der Türkei, nicht eher.

Dunya: Was finden die, die Ausgewandert sind, andernorts vor?

Prof. Kalemli-Özlem: Der Unterschied von USA/Europa, zu uns (Türkei) ist, dass dort die Unterschiede akzeptiert werden. In der freien Welt herrscht Toleranz. „Was ich sage, ist zu tun!“ gibt es da nicht.

Es gibt dort nicht den Einheitsmenschen. Jeder ist anders und jeder denkt anders. Sie werden geliebt und gelobt, weil sie anders sind und denken.

In der Türkei aber, versucht man den Einheitsmenschen zu schaffen. Wer anders ist, ist schlecht. Und wir sind wieder da angekommen: Wissen-Bildung- Laizismus, darauf muss man bauen.

Wenn wir heute immer noch nicht begriffen haben, welch richtigen Weg Atatürk uns vor 100 Jahren vorgab, wird das Land auch niemals irgendwo ankommen.

Foto: http://cdn1.businessmanagementdaily.com/res/images/bmd_homepage/iStock_PotentialMeter_350.jpg

Quelle: (interview) dunya.com

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